Ein Durchbruch in der menschlichen Evolution: Wer war der erste Mensch, der Afrika verlassen hat?

Eine der wichtigsten Fragen in der menschlichen Evolution betrifft die Identität des ersten Menschen, der Afrika verlassen hat. Eine neue Studie stellt jedoch die zentrale Rolle, die traditionell dem Homo erectus zugeschrieben wird, grundlegend in Frage und deutet darauf hin, dass die erste große Wanderung der Menschheit viel früher und durch weitaus komplexere evolutionäre Prozesse begann.
In Dmanisi in Georgien entdeckte Schädel, die fast 1,85 Millionen Jahre alt sind, stellen die lange Zeit vertretene Theorie in Frage, dass Homo erectus die erste menschliche Spezies war, die Afrika verließ. Jüngsten Forschungsergebnissen zufolge repräsentieren die Überreste nicht nur mehr als eine menschliche Spezies, sondern deuten auch auf ein weitaus komplexeres Mosaikmuster der menschlichen Evolution hin, berichtet IFLScience.
Die Überreste des Menschen, der Afrika verließ
Die frühesten menschlichen Fossilien, die außerhalb Afrikas gefunden wurden, stammen aus Dmanisi, Georgien, und sind etwa 1,85 Millionen Jahre alt. Lange Zeit wurden diese Schädel kollektiv als Homo georgicus klassifiziert, den Forscher als archaische Variante des Homo erectus betrachteten. Diese Interpretation passte gut zu der Vorstellung, dass der Homo erectus der erste Mensch war, der Afrika verlassen hat.
Seit ihrer Entdeckung haben die Funde von Dmanisi jedoch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft eine erhebliche Debatte über die menschliche Evolution ausgelöst. Die Schädel unterscheiden sich sowohl in der Größe als auch in der Form auffallend voneinander, und zwar in einem solchen Maße, dass einige Exemplare im Vergleich zu anderen fast winzig erscheinen. Viele Jahre lang wurde diese Abweichung mit sexuellem Dimorphismus erklärt, also mit signifikanten anatomischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen.
Nicht alle Forscher akzeptierten diese Erklärung und eine wachsende Zahl von Forschern begann zu vermuten, dass die Fundstätte von Dmanisi in der Tat die Überreste mehrerer verschiedener menschlicher Spezies beherbergt.
Zwei Arten, ein Ort
Eine aktuelle Studie hat ein neues Licht auf diese Frage geworfen. Die Forscher analysierten die Zahnmerkmale von drei Exemplaren aus Dmanisi und verglichen sie mit 583 fossilen Zähnen, die zu anderen alten Menschenarten gehören. Anhand der Ergebnisse kamen sie zu dem Schluss, dass es sich um zwei verschiedene Arten handelt: den bereits bekannten Homo georgicus und eine neu identifizierte Art, den Homo caucasicus.
Dieser Befund untergräbt grundlegend die Vorstellung, dass der erste Mensch, der Afrika verließ, eine einzige, klar definierte Art war. Stattdessen hat es den Anschein, dass mehrere menschliche Vorfahren gleichzeitig in Eurasien gelebt haben könnten.

Eine mögliche Verbindung zu Lucy
Eines der faszinierendsten Ergebnisse der Forschung ist, dass die Zahnmorphologie des Homo georgicus starke Ähnlichkeiten mit der der Australopithecinen aufweist. Diese Lebewesen lebten vor der Entstehung der Gattung Homo, und ihre berühmteste Vertreterin ist die weltberühmte Lucy.
Diese Ähnlichkeit wirft die Frage auf, ob Verwandte von Lucys Art die ersten Menschen gewesen sein könnten, die Afrika verlassen haben. Laut der Studie belegen die Beweise nicht, dass die Australopithecinen Afrika früher verlassen haben als die Mitglieder der Gattung Homo. Vielmehr legen sie nahe, dass der Mensch, der Afrika verließ, zu den Übergangsformen zwischen Homo habilis und Homo erectus gehörte, die noch viele archaische, australopithecinenähnliche Merkmale behielten.
- Unvergleichliche Entdeckung: Ein uraltes Grab könnte 4.000 Jahre alte afrikanische Rituale enthüllen
Der Beginn einer Mosaik-Evolutionstheorie des Menschen?
Archäologen haben noch weitere Argumente vorgebracht, die diese Ansicht stützen. Steinwerkzeuge, die in Jordanien und Rumänien entdeckt wurden, stammen aus der Zeit vor dem Auftreten des Homo erectus, was darauf hindeutet, dass der erste Mensch, der Afrika verließ, näher am Homo habilis gewesen sein könnte.
Den Forschern zufolge könnten sich die beiden Dmanisi-Arten aus verschiedenen Homo habilis-Populationen entwickelt haben, die über längere Zeiträume in verschiedenen Regionen Eurasiens lebten und sich den lokalen Umweltbedingungen anpassten. Diese Gruppen könnten später auf dem Gebiet des heutigen Georgien aufeinander getroffen sein und eine Zeit lang nebeneinander gelebt haben.
Diese Interpretation verfeinert unser Verständnis der frühen menschlichen Evolution und Migration erheblich. Statt auf eine einzige, einheitliche Welle deuten die Beweise auf mehrere, hochkomplexe und mosaikartige Prozesse hin.
Die Funde von Dmanisi stellen die auf den Homo erectus zentrierten Theorien grundlegend in Frage. Obwohl viele Fragen unbeantwortet bleiben, wird eines immer deutlicher: Die Geschichte des ersten Menschen, der Afrika verließ, ist weitaus komplexer und faszinierender als bisher angenommen.

