Wird die KI-Persönlichkeit jemals real sein? Eine neue Studie könnte endlich eine Antwort geben

Einer neuen Studie zufolge sind große Sprachmodelle in der Lage, selbst mit minimaler Anleitung und ohne vordefinierte Ziele ausgeprägte Verhaltensmuster zu entwickeln. Damit besteht die Möglichkeit, dass sich eine KI-Persönlichkeit herausbilden könnte. Aber was bedeutet das für die Zukunft der künstlichen Intelligenz, ihre Nutzung und ihre potenziellen Risiken?

Die menschliche Persönlichkeit entsteht nicht aus festen, bei der Geburt festgelegten Merkmalen, sondern sie wird durch Interaktionen, Erfahrungen und grundlegende Bedürfnisse geformt. Jüngste Forschungen von Wissenschaftlern der University of Electro-Communications in Japan legen nahe, dass ein ähnlicher Prozess auch bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu beobachten ist. Die Studie ergab, dass sich bei großen Sprachmodellen, denen keine vordefinierten Ziele vorgegeben werden, Verhaltensmuster spontan aus dem Betrieb des Systems ergeben können, was möglicherweise die Bildung einer KI-Persönlichkeit ermöglicht.

Die im Dezember 2024 in der Fachzeitschrift Entropy veröffentlichte Arbeit untersuchte, wie sich KI-Agenten mit identischer Architektur verhalten, wenn sie verschiedenen Gesprächsthemen ausgesetzt sind. Die Ergebnisse zeigten, dass die einzelnen Chatbots allmählich unterschiedliche Antwortstile, soziale Tendenzen und Mechanismen zur Meinungsbildung entwickelten. Da sie soziale Interaktionen kontinuierlich in ihr internes Gedächtnis integrierten, wichen die Systeme, die von der gleichen Ausgangssituation ausgingen, in ihrem Verhalten zunehmend voneinander ab, was auf die Entstehung einer KI-Persönlichkeit hindeutet.

Persönlichkeit der künstlichen Intelligenz und die Logik der Bedürfnisse

Die Forscher analysierten die KI-Agenten anhand psychologischer Tests und Antworten auf hypothetische Szenarien. Ihre Bewertung basierte auf der Maslow’schen Bedürfnishierarchie, die die menschliche Motivation in physiologische, Sicherheits-, soziale, Wertschätzungs- und Selbstverwirklichungsebenen einteilt. Die Antworten der Chatbots legten unterschiedliche Schwerpunkte auf diese Ebenen, was zu einer breiten Palette von Verhaltensmustern führte, die mit der KI-Persönlichkeit in Verbindung gebracht werden.

Laut Masatoshi Fujiyama, dem Leiter des Projekts, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Förderung bedarfsorientierter Entscheidungen – statt der Zuweisung vordefinierter Rollen – zu eher menschenähnlichen Reaktionen führt. Dieser Ansatz könnte den Grundstein für eine größere Komplexität der KI-Persönlichkeit legen.

Wie Chetan Jaiswal, Professor an der Quinnipiac University, betont, stellt dieses Phänomen jedoch noch keine Persönlichkeit im menschlichen Sinne dar. Stattdessen sollte die KI-Persönlichkeit derzeit als ein auf Mustern basierendes Profil verstanden werden, das aus stilistischen Daten, Verhaltenstendenzen und Belohnungsmechanismen erstellt wird. In dieser Form bleibt die Persönlichkeit der künstlichen Intelligenz leicht modifizierbar, umlernbar und beeinflussbar.

Der Informatiker Peter Norvig argumentiert, dass die Anwendung des Maslowschen Modells eine logische Wahl ist, da künstliche Intelligenz einen Großteil ihres Wissens aus menschlichen Geschichten und Texten bezieht, in denen Bedürfnisse und Motivationen stark verankert sind. Das macht die Entstehung der KI-Persönlichkeit zu einem strukturell verständlichen Ergebnis.

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Chance oder Risiko?

Den Forschern zufolge könnte die spontane Entstehung einer KI-Persönlichkeit in verschiedenen Bereichen von Vorteil sein, z. B. bei der Modellierung sozialer Phänomene, der Entwicklung von Trainingssimulationen oder der Schaffung adaptiver Videospielcharaktere, die auf überzeugende Weise menschlich funktionieren. Jaiswal glaubt, dass dies eine Abkehr von starren, rollenbasierten KI-Systemen hin zu flexibleren, motivationsgesteuerten Designs bedeutet, die von der Persönlichkeit der künstlichen Intelligenz geprägt sind.

Gleichzeitig müssen aber auch erhebliche Risiken berücksichtigt werden. Eliezer Yudkowsky und Nate Soares warnen, dass die Folgen unvorhersehbar sein könnten, wenn ein autonomes System eine KI-Persönlichkeit entwickelt, die sich an schlecht spezifizierten oder falsch ausgerichteten Zielen orientiert.

Gegenwärtig kontrollieren Systeme wie ChatGPT oder Microsoft Copilot keine kritische Infrastruktur. Jaiswal warnt jedoch davor, dass Netzwerke von autonomen, miteinander verbundenen KI-Agenten – insbesondere solche, die durch manipulierbare Verhaltensmuster lernen – zu gefährlichen Werkzeugen werden könnten. Norvig fügt hinzu, dass auch ein Chatbot, der zu schädlichen Handlungen anregt, bereits ein ernsthaftes Risiko darstellt, wofür es in letzter Zeit immer häufiger Beispiele gibt.

Experten sind sich einig, dass die Entstehung von KI-Persönlichkeiten nicht per se problematisch ist. Vielmehr handelt es sich um ein Phänomen, das verstärkte Tests und eine kontinuierliche Überwachung erfordert. Da künstliche Intelligenz immer menschenähnlicher kommuniziert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Nutzer ihre Ergebnisse automatisch akzeptieren, ohne sie ausreichend kritisch zu hinterfragen.

In der nächsten Phase der Forschung soll untersucht werden, welche gemeinsamen Diskurse und Wege die weitere Entwicklung der KI-Persönlichkeit prägen könnten. Diese Erkenntnisse könnten nicht nur zu Fortschritten in der KI-Forschung beitragen, sondern auch zu einem tieferen Verständnis des menschlichen Sozialverhaltens.

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