Tisza-Partei will innerhalb von 100 Tagen Reformen im Gesundheitswesen einleiten – aber die Herausforderungen gehen über das Kurzfristige hinaus

Die Tisza-Partei sagt, dass sie innerhalb ihrer ersten 100 Tage systemische Veränderungen im Gesundheitswesen einleiten würde, aber Berufsverbände warnen, dass die schwerwiegendsten Probleme nicht kurzfristig gelöst werden können.
Laut Népszava wurden in den letzten Monaten bereits detaillierte Gesetzesvorschläge und Maßnahmenpakete von Expertengruppen erarbeitet, so dass schon bald konkrete Schritte unternommen werden könnten.
Zu den kurzfristigen Plänen gehören die Einrichtung eines unabhängigen Gesundheitsministeriums, die Einführung eines datengesteuerten Managements und die Schaffung von mehr Transparenz bei den Patientenpfaden. Ziel ist es, ein System zu schaffen, in dem die Leistung der Einrichtungen klar messbar ist und die Patienten nachvollziehen können, wann und wo sie versorgt werden.
Die Qualitätskontrolle würde durch eine unabhängige Behörde nach dem Vorbild der britischen Care Quality Commission gestärkt, die Inspektionen vor Ort durchführt und Bewertungen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, wo die Versorgung den Standards entspricht und wo es noch schwerwiegende Defizite gibt.
Die ungarische Ärztekammer argumentiert jedoch, dass Strukturreformen allein nicht ausreichen werden.
“Ein echter Systemwandel im Gesundheitswesen kann nicht auf organisatorische Veränderungen oder finanzielle Reformen reduziert werden. Es ist notwendig, die berufliche Autonomie wiederherzustellen, die ethischen Standards zu stärken und ein Umfeld zu schaffen, in dem Kritik zum Dialog und nicht zur Vergeltung führt […] und in dem das Interesse des Patienten Vorrang vor allen anderen Überlegungen hat.”
Nach Ansicht der Kammer haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur die strukturellen Probleme vertieft, sondern auch die beruflichen und ethischen Grundlagen ernsthaft beschädigt.
Politische Loyalität habe in vielen Fällen Vorrang vor beruflichen Erwägungen, was das Vertrauen in das System untergrabe und die Verletzlichkeit der Beschäftigten im Gesundheitswesen erhöhe. Daher betonen sie, dass die Reform über strukturelle Veränderungen hinausgehen und die Wiederherstellung der Rechenschaftspflicht und der beruflichen Unabhängigkeit beinhalten muss.
Reformen sind ohne Personal bedeutungslos
Eine weitere große Herausforderung ist der Mangel an medizinischem Personal – ein Punkt, in dem sich die Berufsverbände weitgehend einig sind. Die Magyar Egészségügyi Szakdolgozói Kamara schätzt, dass Zehntausende von Fachkräften im Gesundheitswesen fehlen, während das vorhandene Personal überlastet ist und schnell altert.
Wie Népszava berichtet, warnen Branchenvertreter immer wieder vor dem wachsenden Druck innerhalb des Sektors. Adrianna Soós, Leiterin der unabhängigen Gewerkschaft des Gesundheitswesens, sagte, eines der drängendsten Probleme sei die Überlastung in Verbindung mit der niedrigen Bezahlung.
Ihrer Ansicht nach wird ein sinnvoller Wandel nicht durch einmalige Gehaltserhöhungen herbeigeführt, sondern durch einen vorhersehbaren Karriereweg, der es für die Mitarbeiter lohnenswert macht, langfristig in diesem Beruf zu bleiben.
Zoltán Balogh, Präsident der Ungarischen Kammer für Angehörige der Gesundheitsberufe, teilt diese Ansicht und argumentiert, dass der Sektor nicht einfach “geflickt” werden kann, sondern auf neuen Grundlagen aufgebaut werden muss.
Er wies zuvor darauf hin, dass das Durchschnittsalter der Beschäftigten im Gesundheitswesen bereits über 47 Jahre liegt und mehr als 20.000 Mitarbeiter über 50 Jahre alt sind. Gleichzeitig fehlen in der Erwachsenenpflege derzeit rund 14.000 Krankenschwestern und -pfleger, eine Lücke, die sich in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch vergrößern wird.
Nach Angaben der Kammer wären mindestens 40.000 zusätzliche Fachkräfte im Gesundheitswesen erforderlich, um einen sicheren Betrieb des Systems zu gewährleisten.
Die Besorgnis über die Zustände in den Krankenhäusern verdeutlicht die Belastung des Systems zusätzlich. Frühere Berichte haben gezeigt, dass Überbelegung und Personalmangel dazu führen können, dass Patienten auf den Fluren behandelt werden oder lange auf eine Behandlung warten müssen.
Langfristige Pläne für die Gesundheitsreform
Abgesehen von den Maßnahmen, die schnell eingeführt werden könnten, liegt das eigentliche Gewicht des Programms der Tisza-Partei in den längerfristigen Zielen, die erhebliche Mittel und Zeit erfordern würden:
- Bis 2027 sollen die Wartelisten für stationäre Behandlungen auf maximal sechs Monate und für ambulante Leistungen auf zwei Monate reduziert werden.
- Bis 2030 würden die Gesundheitsausgaben 7 % des BIP erreichen, mit mindestens 500 Milliarden Forint zusätzlicher Mittel pro Jahr
- Bis 2035 würde die Lebenserwartung auf 80 Jahre steigen, unterstützt durch eine stärkere Prävention und Initiativen für einen gesünderen Lebensstil
- Die Notfallversorgung wird verbessert, so dass Krankenwagen landesweit innerhalb von 15 Minuten eintreffen, und die Fahrzeugflotte wird erneuert.
Zu den Reformen gehört auch die Umstrukturierung des Krankenhauswesens. Der Plan sieht vor, gut ausgestattete regionale Zentren zu entwickeln und gleichzeitig kleinere Krankenhäuser zu erhalten und zu stärken. Komplexere Eingriffe sollen in diesen Zentren konzentriert werden, während die Routineversorgung weiterhin vor Ort verfügbar sein soll.
Diese Vorschläge deuten auf ein moderneres und besser finanziertes Gesundheitssystem hin. Die Berufsverbände betonen jedoch, dass die zentrale Frage unverändert bleibt: ob es genug Personal geben wird, um es zu betreiben – und ob über die Strukturreformen hinaus die berufliche Autonomie und das Vertrauen innerhalb des Systems wiederhergestellt werden können.
Auch der breitere wirtschaftliche Kontext kann diese Pläne beeinflussen. Wie wir bereits berichtet haben, hat die scheidende Orbán-Regierung wichtige Preisobergrenzen auf unbestimmte Zeit verlängert und der nächsten Regierung wichtige Entscheidungen überlassen.
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