Die Geheimnisse der Unterwasserwelt: Verbergen sich in den Tiefen von Nord- und Ostsee möglicherweise Spuren verlorener Zivilisationen?

Die Unterwasserwelt der Nord- und Ostsee könnte den Archäologen neue Informationen über einstmals blühende menschliche Zivilisationen liefern. Internationale Forschungsteams versuchen, die Geheimnisse ehemaliger Küstenebenen zu lüften, während sie gegen die Zeit anrennen: Moderne Offshore-Erschließungen könnten den Zugang zur Entdeckung prähistorischer Überreste dauerhaft blockieren.

Die Erforschung der Tiefen der Ozeane und Meere ist seit langem ein Hauptziel der Forscher, und in den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass die Unterwasserwelt ein außerordentlich wichtiger Aufbewahrungsort für die Vergangenheit der Menschheit ist. Die Gebiete, die heute auf dem Meeresboden der Nord- und Ostsee liegen, waren einst Küstenlandschaften. Es handelt sich nicht nur um geologische Formationen, sondern um ehemals bewohnte und blühende Regionen, die entscheidende Informationen über prähistorische Zivilisationen enthalten, schreibt Popular Mechanics.

Als die Meere noch trockenes Land waren

Vor etwa 8.000-6.000 Jahren erstreckten sich weite und fruchtbare Ebenen über das Gebiet der heutigen Nord- und Ostsee und boten eine Heimat für alte menschliche Gemeinschaften. Diese Gruppen lebten zunächst als Jäger und Sammler und wurden später allmählich sesshaft. Mit dem Ende der letzten Eiszeit begann jedoch eine Periode starker Erwärmung, die zu einem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels führte. Das Wasser überflutete allmählich diese niedrig gelegenen Gebiete und machte sie zu einem Teil der Unterwasserwelt.

Obwohl es lange Zeit so aussah, als ob diese Zivilisationen spurlos verschwunden wären, hat die moderne Wissenschaft nun bewiesen, dass ihre Überreste noch immer auf dem Meeresgrund verborgen sind. Die Frage ist also nicht mehr, ob diese Gemeinschaften existierten, sondern ob ihre Spuren rechtzeitig freigelegt werden können.

SUBNORDICA: Forschung in den Tiefen des Meeres

Um sich dieser Herausforderung zu stellen, wurde die internationale Forschungskooperation SUBNORDICA gegründet, an der mehrere nordeuropäische Institutionen beteiligt sind. Zu den Projektteilnehmern gehören das Centre for the Study of Submerged Landscapes der Universität Bradford, die niederländische Organisation für angewandte wissenschaftliche Forschung (TNO), das Flanders Marine Institute und die Universität York. Ihr Ziel ist es, Beweise für die frühere Anwesenheit von Menschen in bisher unerforschten Gebieten von Unterwasserlandschaften zu finden.

Einer der wichtigsten Standorte der Forschung ist Doggerland, das vor etwa 8.200 Jahren eine blühende Region in der Nordsee gewesen sein könnte. Dieses Gebiet spielt eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht zu verstehen, wie die Menschen lebten und sich an die Umweltveränderungen anpassten, bevor das Wasser ihre Siedlungen endgültig zerstörte.

Hochmoderne Technologie zur Erforschung der Unterwasserwelt

SUBNORDICA-Forscher setzen die modernsten Technologien ein, um die Unterwasserwelt zu kartieren. Sie nutzen Computersimulationen und auf künstlicher Intelligenz basierende Analysetools sowie seismische und akustische Untersuchungen und Bohrungen, um sich ein genaues Bild von der Struktur des Meeresbodens zu machen.

Die Universität Bradford hat bereits früher Daten mit Hilfe von Magnetometermessungen gesammelt, die ursprünglich für die Umweltverträglichkeitsprüfung künftiger Ökostromprojekte gedacht waren. Diese Daten sind jedoch auch aus archäologischer Sicht äußerst wertvoll, da sie dabei helfen, Gebiete zu identifizieren, in denen sich Torf gebildet hat oder in denen die Erosion die Landschaft geformt hat, zum Beispiel in ehemaligen Flussbetten.

Ein Wettlauf mit der Zeit

Nach Angaben von Forschern gab es vor einigen tausend Jahren etwa 7,7 Millionen Quadratmeilen mehr trockenes Land auf der Erde als heute. Ein großer Teil davon lag entlang der Küstenlinien des heutigen Europas, und Experten glauben, dass dies die attraktivsten Gebiete des Kontinents für prähistorische Siedlungen waren.

Der schnelle Ausbau der Infrastruktur für grüne Energie stellt jedoch eine ernsthafte Herausforderung für die Wissenschaft dar. Industrielle Entwicklungen können den Zugang zu Forschungsgebieten einschränken, was bedeutet, dass die archäologische Erforschung der Unterwasserwelt buchstäblich zu einem Wettlauf mit der Zeit geworden ist. Das Ziel von SUBNORDICA ist es daher, die strukturellen Merkmale ehemaliger menschlicher Siedlungen zu dokumentieren, bevor größere Eingriffe vorgenommen werden.

Lehren aus der Vergangenheit

Anhand von Taucherkontrollen in der dänischen Aarhus-Bucht untersuchen die Forscher auch, wie dicht besiedelt und wie verbreitet Küstensiedlungen waren und wie die Menschen vor 8.500-9.000 Jahren die Meeresressourcen nutzten. Diese Erkenntnisse können dazu beitragen, gezieltere archäologische Untersuchungen auch in schwer zugänglichen Gebieten einzuleiten.

Da moderne Gesellschaften heute gegen den steigenden Meeresspiegel ankämpfen, dient die Erforschung der Unterwasserwelt als Erinnerung daran, dass die Menschheit schon früher vor ähnlichen Herausforderungen stand. Die Geschichte der antiken Zivilisationen hilft uns also nicht nur, die Vergangenheit zu verstehen, sondern dient auch als Warnung für die Zukunft: Die Anpassung an Umweltveränderungen war schon immer eine der größten Herausforderungen der menschlichen Existenz – und es scheint, dass sie es immer sein wird.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *