Die Ungarn arbeiten mehr als die meisten Europäer, verdienen aber deutlich weniger

Ungarische Arbeitnehmer arbeiten die dritthöchste Anzahl von Stunden pro Jahr in der Europäischen Union, während Löhne und Freizeit weiterhin unter dem EU-Durchschnitt liegen.
Länger arbeiten als der EU-Durchschnitt
Laut dem Bericht 2024 von Eurofound arbeiten ungarische Arbeitnehmer durchschnittlich 1.832 Stunden pro Jahr und liegen damit nur hinter Estland (1.848) und der Slowakei (1.840).
Der EU-Durchschnitt liegt bei 1.722 Stunden. Das bedeutet, dass ein ungarischer Arbeitnehmer mehr als hundert Stunden pro Jahr länger arbeitet als sein westeuropäischer Kollege – etwa zweieinhalb Wochen Mehrarbeit.
Am unteren Ende der Liste stehen die Franzosen, die dank Tarifverträgen und der 35-Stunden-Woche nur 1.575 Stunden pro Jahr arbeiten. Dahinter folgen die Dänen und die Deutschen, die ebenfalls weniger als 1.700 Stunden pro Jahr am Arbeitsplatz verbringen.
Lange Arbeitszeiten in Osteuropa
In Mittel- und Osteuropa haben Tarifverträge wenig Einfluss auf die Arbeitszeiten. Vielerorts gilt das gesetzliche Maximum – 40 bis 48 Stunden pro Woche – als Norm. Flexible oder Teilzeitbeschäftigung ist selten, und Überstunden sind an der Tagesordnung.

Die Arbeitnehmer bleiben oft nicht freiwillig länger: Sie geben enge Fristen, Personalmangel und die Notwendigkeit einer zusätzlichen Bezahlung als Gründe an. In den Daten von Eurofound sind Feiertage und bezahlter Urlaub berücksichtigt.
Bei den Arbeitnehmerrechten gibt es in der EU nach wie vor erhebliche Unterschiede. Während Arbeitnehmer in Frankreich oder Deutschland Anspruch auf 25-30 Tage bezahlten Urlaub haben, beträgt das gesetzliche Minimum in Ungarn 20 Tage, wobei nur wenige zusätzliche Tage je nach Alter gewährt werden. Dies verkürzt nicht nur die Ruhezeiten, sondern untergräbt langfristig auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Die Auswirkungen der ungarischen Arbeitskultur
Längere Arbeitszeiten führen nicht unbedingt zu mehr Wohlstand. Viele Ungarn haben das Gefühl, dass ihr Lohn trotz langer Arbeitswochen und Wochenenden ihre Anstrengungen nicht widerspiegelt. Überstunden sind oft keine Option, sondern eine Bedingung für das Überleben – vor allem in der Industrie und im Dienstleistungssektor, wo Personalmangel die Arbeitnehmer zwingt, die Last des Systems zu tragen.
Während die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Westeuropa zu einem wichtigen Thema geworden ist, wird sie in Ungarn nur selten diskutiert. Die Kultur des “Immer-dabei-Seins” bleibt vorherrschend.
Laut dem Randstad Workmonitor 2024 sagen 93% der ungarischen Arbeitnehmer, dass ihnen die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben genauso wichtig ist wie das Gehalt, und 83% erwarten flexible Arbeitszeiten.
Dennoch ist kaum eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erkennen, und die langfristigen Auswirkungen werden immer deutlicher: Ermüdung, Burnout und Abwanderung sind alles Anzeichen für ein System, das auf ständigem Druck und nicht auf dem Wohlbefinden der Mitarbeiter beruht.
Die verlängerten Arbeitszeiten bedeuten weniger Erholung, während die Löhne immer noch nicht die investierte Mühe widerspiegeln. Nach Angaben von Eurostat lagen die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in Ungarn im Jahr 2024 bei 14,1 EUR, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 33,5 EUR.
Im Durchschnitt arbeiten die Ungarn mehr als die meisten Europäer – verdienen aber deutlich weniger.
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