Im Falle eines russischen Angriffs könnte es bis zu 45 Tage dauern, bis die NATO-Truppen mobilisiert sind

Einem aktuellen EU-Bericht zufolge könnte es bis zu anderthalb Monate dauern, bis die NATO-Bodentruppen im Falle eines möglichen russischen Angriffs die osteuropäischen Mitgliedstaaten erreichen. Das durchgesickerte Dokument unterstreicht, dass die derzeitige europäische Infrastruktur bei weitem nicht für die schnelle Verlegung großer militärischer Einheiten geeignet ist.
In dem neuen Bericht, der für die Europäische Kommission erstellt wurde, wird davor gewarnt, dass es derzeit bis zu fünfundvierzig Tage dauern könnte, bis die NATO-Bodentruppen im Falle eines russischen Angriffs von den westeuropäischen Häfen in die östlichen Mitgliedstaaten gelangen. Obwohl in dem Dokument Ungarn nicht genannt wird, sind die untersuchten Umstände auch in unserem Land ähnlich, so Világgazdaság.
Experten stellen fest, dass selbst die Bestimmung, wann und in welcher Form die NATO eine Bedrohung auf politischer Ebene anerkennt, Schwierigkeiten bereiten könnte. Der Bericht erinnert daran, dass es 2022, vor dem Einmarsch in die Ukraine, keinen vollständigen Konsens unter den Mitgliedsstaaten darüber gab, ob Russland sich tatsächlich darauf vorbereitete zu handeln.
Die Infrastruktur der NATO-Mitglieder ist nicht bereit für eine Mobilisierung
Das Hauptproblem ist jedoch die extrem zeitaufwendige Verlegung. Die europäische Verkehrsinfrastruktur ist nicht auf die schnelle Verlegung großer militärischer Verbände vorbereitet. Viele Brücken sind nicht stabil genug, einige Tunnel sind zu klein, und auch die oft länderspezifischen Bahnsysteme können zu erheblichen Verzögerungen führen.
Der deutsche Generalleutnant Alexander Sollfrank wies darauf hin, dass eine angemessene Infrastruktur für militärische Bewegungen unerlässlich ist, da riesige Mengen an Personal und Ausrüstung sowohl von jenseits des Atlantiks als auch von Westeuropa aus transportiert werden müssten.
Inkompatible Schienennetze, veraltete Straßen
Der Bericht weist auch auf mehrere konkrete Probleme innerhalb Europas hin, die eine schnelle Reaktion besonders behindern. Vielerorts ist das Schienennetz nicht geeignet, um schwere militärische Fracht sicher zu transportieren, z.B. aufgrund von zu engen Lichtraumprofilen oder ungünstigen Gleisneigungen.
Auch die unterschiedlichen Spurweiten in den baltischen Staaten stellen ein Problem dar, weshalb Estland, Lettland und Litauen in einem großen gemeinsamen Projekt bereits intensiv an der Harmonisierung des Netzes arbeiten. Auch die iberische Halbinsel verfügt über ein separates Schienensystem, was zu ähnlichen Hindernissen führt.
Auch der Ausbau des Straßennetzes ist unumgänglich, vor allem in Deutschland, das aufgrund seiner geografischen Lage und der Präsenz der stationierten US-Truppen eine zentrale Rolle bei der Planung spielt.

Lösungen auf EU-Ebene gesucht
Die EU-Mitgliedstaaten haben mehrere tausend verbesserungsbedürftige Infrastrukturpunkte identifiziert, von denen etwa fünfhundert von Experten in Brüssel als besonders wichtig eingestuft werden.
Um den Transport zu erleichtern, wird auch die Idee eines “militärischen Schengen” geprüft, das die administrativen Hürden für den grenzüberschreitenden Verkehr abbauen würde. Gegenwärtig muss ein und derselbe Konvoi oft in mehreren Ländern unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen genehmigt werden, und Pläne zur Digitalisierung der Dokumentation haben sich bisher aus Angst vor Cyberangriffen verzögert.
Das Dokument verweist auch auf einen früheren Fall, in dem der Transport französischer Panzer nach Rumänien viel länger dauerte als erwartet, weil die deutschen Behörden die Weiterfahrt auf der Straße nicht genehmigten. Infolgedessen mussten sie über den Seeweg und die Schiene umgeleitet werden.
Abschreckung ist entscheidend
Die Regierungen ziehen zunehmend private Unternehmen zur Unterstützung dieser Prozesse hinzu. In Deutschland zum Beispiel bietet die Dienstleistungsabteilung eines Waffenherstellers umfassende Unterstützung für Militäreinheiten, die das Land durchqueren.
Dennoch warnen Experten davor, dass die Aufgabe äußerst komplex ist: Die Zahl der Fahrzeuge und Waffensysteme ist enorm, und der Transport einer einzigen leichten Division kann mehrere tausend Eisenbahnwaggons erfordern.
Nach Ansicht hoher Beamter, die mit der Planung betraut sind, mag dies auf den ersten Blick übertrieben erscheinen, aber es ist unerlässlich, wenn die NATO eine glaubwürdige Abschreckung demonstrieren will. Wie der Bericht abschließend feststellt, ist das Bündnis nur dann glaubwürdig, wenn es auch für den schlimmsten Fall Pläne vorbereitet hat.

