Die ersten 100 Tage von Ministerpräsident Magyar: Erfolg oder Misserfolg für Ungarn?

Péter Magyars erste 100 Tage als ungarischer Ministerpräsident haben zu zwei völlig unterschiedlichen Urteilen geführt. Die Tisza-Regierung erklärt, sie habe bereits mehr als 100 Versprechen erfüllt und das Land auf einen neuen Kurs gebracht, während die nun in der Opposition befindliche Fidesz argumentiert, diese Zeit sei geprägt von gebrochenen Wahlversprechen, Improvisation und einer „Facebook-Regierung“. Was sagen uns die ersten 100 Tage also tatsächlich?
Dieser Meilenstein hat in Ungarn eine besondere politische Bedeutung. Magyars Tisza-Partei kam nach den Parlamentswahlen im April 2026 an die Macht und beendete damit 16 Jahre ununterbrochener Fidesz-Regierungen. Die neue Regierung übernahm daher nicht nur den Staatsapparat, sondern auch die Erwartungen an einen raschen und sichtbaren Bruch mit der vergangenen Ära.
Péter Magyars erste 100 Tage: Die Regierung weist eine neue Richtung ein
Magyars zentrales Argument lautet, dass 100 Tage niemals ausreichen könnten, um die über anderthalb Jahrzehnte angehäuften Probleme zu beheben, jedoch ausreichten, um Ungarns Kurs zu ändern.
Laut der offiziellen Bilanz der Regierung Magyarwurden bereits mehr als 100 Versprechen erfüllt. Hervorgehoben werden dabei Veränderungen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung, öffentlich-rechtliche Medien, Staatsausgaben und der Umgang mit staatlichem Vermögen. Die Regierung hat ihre eigene Bilanz auf ihrer Ergebnis-Website veröffentlicht und lädt die Wähler ein, ihre Wahlversprechen mit den tatsächlich umgesetzten Maßnahmen zu vergleichen.
Eine der bedeutendsten Behauptungen der Regierung betrifft die EU-Finanzmittel. Im Mai gab die ungarische Regierung eine Vereinbarung mit der Europäischen Kommission über die Freigabe von 16,4 Milliarden Euro – rund 6 Billionen HUF – an zuvor gesperrten EU-Mitteln bekannt. Davon waren 4,4 Milliarden Euro für Kohäsionsprogramme vorgesehen, weitere Mittel sollten in die Bereiche Bildung, Forschung, das Stromnetz sowie neue Eisenbahn- und HÉV-Vorortzüge fließen.
Die Regierung verweist zudem auf eine Änderung der institutionellen Praktiken. Sie ließ die für die Dekretregierung geltende Sonderrechtsordnung nach sechs Jahren auslaufen, während die ehemalige Nachrichtenredaktion der öffentlich-rechtlichen Medien im Juli abgeschafft und deren Führung ausgewechselt wurde. Im Rahmen ihrer Antikorruptionsagenda hat sie zudem eine Nationale Behörde für die Rückführung und den Schutz von Vermögenswerten eingerichtet.
Was die öffentlichen Ausgaben betrifft, so gibt das Kabinett an, die Kontrollen verschärft und große staatliche Investitionen überprüft zu haben. Es gibt an, Einsparungen in Höhe von 100 Milliarden HUF (rund 274 Millionen Euro) beim Autobahnprojekt M6 sowie weitere 59 Milliarden HUF (162 Millionen Euro) beim Brückenprojekt in Mohács erzielt zu haben.
Fidesz: Wichtige Wahlversprechen bleiben unerfüllt
Fidesz liefert eine fast völlig gegensätzliche Einschätzung.
In einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung warf die oppositionelle Fraktion Magyar vor, die Wahl mit „falschen Versprechungen“ gewonnen zu haben, und erklärte, die Regierung habe ihre ersten 100 Tage damit verbracht, ihrer Vorgängerregierung die Schuld zu geben, anstatt ihre Versprechen einzulösen.
Zu den Maßnahmen, die laut Fidesz noch nicht umgesetzt wurden, zählen die versprochene Verdopplung des Kindergeldes, die Mutterschaftsbeihilfe, Leistungen für ältere Menschen, die Familienbeihilfen GYES und GYET, eine 25-prozentige Lohnerhöhung für Beschäftigte im Sozialwesen sowie eine Senkung der Mehrwertsteuer auf gesunde Lebensmittel auf 5 %.
Die Partei kritisierte die Regierung zudem wegen der Aufhebung der Zinsobergrenze, ihrer Haltung zum „Otthon Start“-Wohnungsbauprogramm der Vorgängerregierung sowie der Energiesubventionen für Haushalte. Sie warf Tisza ferner vor, multinationale Unternehmen gegenüber ungarischen Unternehmen zu bevorzugen und Versprechen bezüglich der Kraftstoffpreise und der Mehrwertsteuer auf Medikamente nicht eingehalten zu haben. Hierbei handelt es sich um politische Vorwürfe aus der Erklärung der Fidesz, die für jede einzelne Behauptung keine detaillierten Belege lieferte.
Die Schulunterstützung veranschaulicht den umfassenderen Streit um die Umsetzung. Magyar hat eine Schulanfangszahlung in Höhe von 100.000 HUF (rund 274 EUR) als eine der sozialen Maßnahmen seiner Regierung hervorgehoben. Während des Wahlkampfs erklärte Tisza jedoch, das Programm werde rund 700.000 benachteiligten Familien helfen, während in der aktuellen 100-Tage-Bilanz der Regierung von Hilfe für rund 400.000 benachteiligte Kinder und Familien die Rede ist.
Wie wir gestern im Zusammenhang mit durchgesickerten Informationen berichteten: Fidesz könnte innerhalb weniger Wochen aufgelöst werden, da sein Schicksal in den Händen der Mitglieder liegt – und in denen von János Lázár
Erfolg oder Misserfolg? Die Antwort hängt vom Maßstab ab
Beide Seiten bewerten dieselben 100 Tage nach unterschiedlichen Maßstäben. Magyar betont strukturelle Veränderungen: die Beziehungen zu Brüssel, institutionelle Reformen, strengere Ausgabenkontrollen und einen Bruch mit mehreren Praktiken der vorherigen Regierung. Fidesz konzentriert sich hingegen auf die privaten Finanzen und Wahlversprechen, deren Auswirkungen die Wähler unmittelbar spüren dürften.
Das erschwert eine einfache Beurteilung als Erfolg oder Misserfolg. Die ersten 100 Tage haben deutliche Veränderungen in der Regierungsführung und -ausrichtung mit sich gebracht, darunter eine wichtige Einigung über EU-Fördermittel. Gleichzeitig wurden mehrere im Wahlkampf angeführte, viel beachtete soziale Verpflichtungen entweder noch nicht umgesetzt oder sind weiterhin politisch umstritten.
Für Magyar beginnt die eigentliche Bewährungsprobe daher erst nach der symbolischen 100-Tage-Marke. Ob sich der neue Kurs in einer Verbesserung der Gesundheitsversorgung, des Bildungswesens, des Verkehrswesens, des Wirtschaftswachstums und des Lebensstandards niederschlägt, wird letztlich mehr zählen als die erste politische Bilanz der jeweiligen Seite.
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