Einblicke in das Karpacz-Wirtschaftsforum 2026: Polens Aufstieg, politische Spaltungen und die Zukunft der V4

Drei Tage, mehr als 6.500 Teilnehmer, Hunderte von Podiumsdiskussionen, Politiker, Unternehmer, Kommunalpolitiker und Experten – das Karpacz-Wirtschaftsforum 2026 war allein schon aufgrund seines schieren Ausmaßes eine beeindruckende Veranstaltung. Noch interessanter war es jedoch vor Ort zu beobachten, wie die wirtschaftlichen und politischen Persönlichkeiten eines der sich am dynamischsten entwickelnden Länder Europas ihre eigene Situation einschätzen. Und auch, wie unterschiedlich genau dieselben Wirtschaftszahlen interpretiert werden können.

All dies fand nicht in Warschau, Krakau oder einer anderen polnischen Großstadt statt, sondern in Karpacz, einem Bergkurort nahe der tschechischen Grenze.

Eine kleine Stadt, die für drei Tage zu einem der Zentren Polens wird

Auf den ersten Blick mag die Wahl des Veranstaltungsortes überraschend erscheinen. Karpacz ist kaum als herkömmliche Konferenzstadt zu bezeichnen, doch das Hotel Gołębiewski und die umliegende Infrastruktur verfügen über ausreichende Kapazitäten, um eine Veranstaltung mit mehreren tausend Teilnehmern ohne größere Beeinträchtigungen auszurichten.

Laut der offiziellen Zusammenfassung des „Forum Ekonomiczne“ nahmen mehr als 6.500 Teilnehmer am 35. Wirtschaftsforum teil, das vom 8. bis 10. September stattfand und im Rahmen dessen mehr als 500 Debatten, Podiumsdiskussionen und andere Veranstaltungen abgehalten wurden. Das Programm umfasste acht große Themenbereiche, die von Wirtschaft und internationaler Politik bis hin zu Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Gesundheitswesen reichten.

Das wahre Ausmaß der Veranstaltung ließ sich am besten vor Ort ermessen. Die Konferenzräume verteilten sich auf mehrere Etagen des Hotels sowie auf Pavillons, die vor dem Gebäude errichtet worden waren, während Galaveranstaltungen und Bankette auf einer separaten Etage stattfanden. Nach offiziellen Angaben der Veranstalter befand sich sogar das Logistikzentrum selbst 3,5 Kilometer vom Hauptveranstaltungsort entfernt.

Laut einem Bericht vor Ort von wroclaw.pl reisten rund 500 Medienvertreter, 1.200 Kommunalpolitiker und 900 ausländische Delegierte nach Karpacz. Obwohl ein wesentlicher Teil des Programms auf Polnisch abgehalten wurde und sich in erster Linie auf polnische Themen konzentrierte, standen für die wichtigeren Podiumsdiskussionen Dolmetscherdienste zur Verfügung, sodass ein Großteil der Konferenz auch für internationale Teilnehmer zugänglich war.

Karpacz Economic Forum 2026. Photo by Daily News Hungary
Wirtschaftsforum Karpacz 2026. Foto: Daily News Hungary

Wirtschaftsforum Karpacz 2026: Eine starke Wirtschaft vor ernsten Dilemmata

Eine der für mich interessantesten Erkenntnisse dieser drei Tage war, wie unterschiedlich ein und dieselben Wirtschaftsdaten interpretiert werden können.

Polen verzeichnet nach europäischen Maßstäben ein besonders starkes Wachstum. Die Mai-Prognose der Europäischen Kommission sah für 2026 ein BIP-Wachstum von 3,5 Prozent vor, während die Arbeitslosigkeit weiterhin außergewöhnlich niedrig ist. Gleichzeitig ist das Bild jedoch keineswegs unproblematisch: Die Kommission rechnete mit einem Haushaltsdefizit von 6,5 Prozent und einem weiteren Anstieg der Staatsverschuldung.

Die Prognose der OECD vom Juni fiel etwas zurückhaltender aus: Sie prognostizierte für 2026 ein Wachstum von 3 Prozent und hob insbesondere Risiken im Zusammenhang mit den Energiepreisen, der weltweiten Nachfrage und der geopolitischen Lage in der Region hervor.

In Karpacz wurde daher dieselbe Wirtschaftsleistung in einer Diskussion als Beweis für ein erfolgreiches Konvergenzmodell präsentiert, in einer anderen hingegen als Ausgangspunkt für die Untersuchung der Herausforderungen, denen sich ein Land gegenübersieht, das in eine neue Entwicklungsphase eintritt.

Vielleicht war es genau das, was das Forum so interessant machte: In nur wenigen Konferenzräumen, die nur wenige Schritte voneinander entfernt lagen, konnte man hören, wie aus derselben wirtschaftlichen Realität völlig unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen wurden.

Sowohl Vertreter der Regierung als auch der Opposition waren in Karpacz anwesend

Zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus dem polnischen politischen Leben nahmen ebenfalls an dem Forum teil. Die Veranstalter hoben unter anderem die Teilnahme von Verteidigungsminister und stellvertretendem Ministerpräsidenten Władysław Kosiniak-Kamysz, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister für digitale Angelegenheiten Krzysztof Gawkowski, Entwicklungsministerin Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, Wissenschaftsminister Marcin Kulasek, den stellvertretenden Sejm-Präsidenten Krzysztof Bosak und den ehemaligen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki; zudem waren zahlreiche Staatssekretäre anwesend.

Besonders auffällig war die Anwesenheit von Politikern der Rechten und der Opposition. Morawiecki erhielt stehenden Beifall, während auch der Auftritt von Krzysztof Bosak eine starke Reaktion im Publikum auslöste. Dem Bericht zufolge hielten auch die ehemalige Ministerpräsidentin Beata Szydło und der ehemalige Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak Reden bei der Veranstaltung. Andrzej Duda, Polens Präsident von 2015 bis 2025, trat ebenfalls bei mehreren Veranstaltungen auf.

Die Galadinner gehörten zu den spektakulärsten Anlässen des Forums. Dort wurden Auszeichnungen für herausragende Leistungen in Wirtschaft, Unternehmertum und öffentlichem Leben verliehen. Die vielleicht bedeutendste davon, die Auszeichnung „Persönlichkeit des Jahres 2026“, ging an Infrastrukturminister Dariusz Klimczak.

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Morawiecki: Die V4 muss fortbestehen, auch wenn die Länder von unterschiedlichen politischen Lagern geführt werden

Der Auftritt von Mateusz Morawiecki war für mich besonders interessant, da ich auf dem Forum auch die Gelegenheit hatte, dem ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten direkt eine Frage zu stellen.

Karpacz Economic Forum Morawiecki
Wirtschaftsforum Karpacz 2026. Foto: Daily News Hungary

Ich fragte ihn, ob er im Falle einer Rückkehr in die Regierung nach den Wahlen in Polen im Jahr 2027 die Zusammenarbeit im Rahmen der Visegrád-Gruppe fortsetzen würde, selbst wenn der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar statt Viktor Orbán wäre.

Morawiecki bejahte dies unmissverständlich.

Nach Ansicht des ehemaligen polnischen Ministerpräsidenten muss die V4 um jeden Preis aufrechterhalten werden, und es darf nicht zugelassen werden, dass sie auseinanderbricht oder erneut an Bedeutung verliert, nur weil die betreffenden Länder von politischen Kräften mit unterschiedlichen Ansichten regiert werden.

Der Kern seiner Antwort bestand darin, dass die regionale Zusammenarbeit parteipolitische Differenzen überdauern muss. Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei teilen zahlreiche wirtschaftliche, infrastrukturelle und geopolitische Interessen, die unabhängig davon bestehen bleiben, welches politische Lager gerade an der Macht ist.

Diese Botschaft ist besonders bemerkenswert, da die V4 in den letzten Jahren gerade wegen außenpolitischer und politischer Differenzen zwischen ihren Mitgliedstaaten ins Stocken geraten war.

Polnisch-ungarische Bahnverbindungen: Vor 20 Jahren dauerte die Fahrt von Budapest nach Warschau zehn Stunden – und das ist auch heute noch so

In einer anderen Podiumsdiskussion wurde eine weitaus kritischere Einschätzung des Zustands der polnisch-ungarischen Beziehungen geäußert.

Balázs Szabó, Vorsitzender der Selbstverwaltung der polnischen Minderheit in Dunakeszi und des Vereins für modernes polnisches Denken, erklärte, dass die vorherige ungarische Regierung seiner Ansicht nach während ihrer 16-jährigen Amtszeit nicht genug unternommen habe, um die polnisch-ungarischen Beziehungen in der Praxis weiterzuentwickeln, wobei der Verkehrsbereich eines der deutlichsten Beispiele dafür sei.

Karpacz Economic Forum
Wirtschaftsforum Karpacz 2026. Foto: Daily News Hungary

Szabó wies darauf hin, dass die Zugfahrt von Budapest nach Warschau vor rund 20 Jahren etwa zehn Stunden dauerte und dass sich die Fahrzeiten seitdem nicht wesentlich verkürzt haben.

Er hielt dies für besonders problematisch, da Ungarn in einer anderen Richtung eine bedeutende internationale Eisenbahninvestition getätigt habe: Die Bahnstrecke Budapest–Belgrad wurde modernisiert, während in Richtung Polen kein Projekt vergleichbaren Umfangs in Angriff genommen wurde.

Laut Szabó würde eine moderne Verbindung zwischen Budapest und Warschau weit über den Tourismus hinausgehen.

Eine Nord-Süd-Eisenbahnverbindung könnte zudem von strategischer Bedeutung für die Logistik, den Güterverkehr und engere Beziehungen zwischen den Ländern der Region sein. Während europaweit neue Nord-Süd-Logistikkorridore und Hochgeschwindigkeitsbahnverbindungen ausgebaut werden, spielt Ungarn in diesen Netzwerken bislang noch keine wesentliche Rolle.

Szabó erklärte jedoch, dass bereits gewisse Veränderungen erkennbar seien. Er wies darauf hin, dass Dávid Vitézy, Verkehrs- und Investitionsminister in der neuen ungarischen Regierung, bereits über den Ausbau von Bahnverbindungen in Richtung Polen gesprochen habe. Dies stelle zwar noch kein konkretes Investitionsprojekt dar, sei jedoch seiner Ansicht nach ein wichtiges Zeichen dafür, dass das Thema wieder auf die verkehrspolitische Agenda Ungarns gelangen könnte.

Vitézy bereitet tatsächlich ein groß angelegtes Eisenbahnausbauprogramm vor: Laut einem Bericht von 24.hu vom 11. September sprach der Minister von einem umfassenden Rahmenprogramm für den Eisenbahn- und Verkehrsausbau in Höhe von 3,5 Billionen HUF – etwa 9,6 Milliarden Euro.

Mehr als fünfzig Ungarn nahmen an dem Forum teil

Auch aus ungarischer Sicht war die Zusammensetzung der Teilnehmer interessant. Mehr als fünfzig Personen aus Ungarn hatten sich für die Veranstaltung angemeldet, von denen einige auch an Podiumsdiskussionen teilnahmen.

In den vergangenen Jahren gehörten der ungarischen Delegation regelmäßig Minister der Orbán-Regierung sowie politische und öffentliche Persönlichkeiten an, die der ehemaligen Regierungspartei nahestanden. Auch in diesem Jahr waren wieder mehrere Fidesz-Politiker oder Teilnehmer mit Verbindungen zur vorherigen Regierungsperiode auf der Veranstaltung zu sehen, während hochrangige Vertreter der neuen Regierung unter Péter Magyar deutlich weniger präsent waren.

Zu den Anwesenden gehörte der ehemalige Präsident des ungarischen Nationalrats, László Kövér, der ursprünglich für zwei Veranstaltungen vorgesehen war, letztendlich jedoch an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Auch Péter Márki-Zay, Bürgermeister von Hódmezővásárhely, reiste nach Karpacz und nahm an mehreren Veranstaltungen teil. Ihr Zusammentreffen fand sogar Eingang in die ungarische Presse: 24.hu berichtete, dass László Kövér laut Márki-Zay dessen ausgestreckte Hand nicht geschüttelt habe.

Die Zusammensetzung der ungarischen Teilnehmer war auch vor dem Hintergrund des grundlegenden Wandels der politischen Lage in Ungarn, der sich einige Monate zuvor vollzogen hatte, interessant. Das in den letzten Jahren aufgebaute persönliche und institutionelle Netzwerk war auf dem Forum noch deutlich erkennbar, während sich die Beziehungen zwischen der neuen ungarischen Regierung und dem Karpacz-Wirtschaftsforum offenbar noch am Anfang einer neuen Ära befinden.

Als Inhaber der DNH MEDIA GROUP GmbH wurde ich von der Stiftung „Warsaw Enterprise Institute“ zu einem der größten Wirtschaftsforen Mitteleuropas eingeladen, um sowohl an der Veranstaltung als auch an der anschließenden Pressereise teilzunehmen.

Das Karpacz Economic Forum: weit mehr als nur eine Wirtschaftskonferenz

Am Ende des Karpacz-Wirtschaftsforums 2026 war dies vielleicht mein stärkster Eindruck: Obwohl es als Wirtschaftsforum bezeichnet wird, wird es drei Tage lang praktisch zu einem mitteleuropäischen Treffpunkt, an dem Wirtschaft, Politik, Geopolitik, Infrastruktur, Technologie und Geschäftsleben nahezu untrennbar miteinander verbunden sind.

Karpacz Economic Forum 2026. Photo by Daily News Hungary
Wirtschaftsforum Karpacz 2026. Foto: Daily News Hungary

Die Gespräche in den Fluren und beim Abendessen waren mindestens ebenso wichtig wie jene, die auf der Bühne stattfanden. Und bei den Hunderten von Podiumsdiskussionen konnte man manchmal völlig unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage hören, je nachdem, ob man einem Minister, einem Oppositionspolitiker, einem Unternehmer oder einem Wirtschaftswissenschaftler zuhörte.

Nach vielen Indikatoren hat Polen allen Grund, mit Optimismus in die kommenden Jahre zu blicken. Gleichzeitig zeigte Karpacz aber auch, dass rasantes Wirtschaftswachstum an sich Dilemmata nicht beseitigt. Im Gegenteil: Je größer das wirtschaftliche und politische Gewicht des Landes wird, desto wichtiger wird die Frage, wie es diese Stärke einzusetzen gedenkt.

Aus ungarischer Sicht war eine der wichtigsten Erkenntnisse möglicherweise etwas, das in zwei sehr unterschiedlichen Diskussionen deutlich wurde: Die polnisch-ungarischen Beziehungen können nicht ausschließlich auf der politischen Freundschaft der jeweils regierenden Parteien aufgebaut werden. Ob es nun um die V4 oder eine moderne Eisenbahnverbindung zwischen Budapest und Warschau geht – eine langfristige Zusammenarbeit erfordert Beziehungen und eine Infrastruktur, die Regierungswechsel überstehen können.

Wie wir nach der Wahl schrieben, könnte die polnisch-ungarische Freundschaft neuen Schwung erhalten. Genau darüber sprachen Magyar und Tusk in Warschau.

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