Ehemaliger ungarischer Premierminister: Die Orbán-Regierung plant einen langfristigen Austritt aus der EU

Der mögliche Austritt Ungarns aus der Europäischen Union ist Teil der langfristigen Strategie der Orbán-Regierung, so der ehemalige Premierminister Gordon Bajnai. In einem Interview mit HVG sagte Bajnai, dass der Regierungspartei derzeit zwar sowohl die öffentliche Unterstützung als auch der wirtschaftliche Fahrplan für einen solchen Schritt fehle, die politische Richtung aber eindeutig auf einen möglichen Austritt hinweise.

Bajnai: Orbán will EU-Mitgliedschaft zuerst ausnutzen

Laut Bajnai bereitet sich die Regierung darauf vor, Ungarn “zu einem geeigneten Zeitpunkt” aus der EU zu führen. Bis dahin versucht sie, so viele Vorteile wie möglich aus der EU-Mitgliedschaft zu ziehen und gleichzeitig den institutionellen Rahmen der Union zu schwächen. Er fügte hinzu, dass Kritik an der EU zwar berechtigt und notwendig sein kann, aber immer von einer entscheidenden Frage begleitet werden muss: Was würde mit Ungarn außerhalb der EU geschehen?

Bajnai ist der Ansicht, dass die nationalen Interessen Ungarns innerhalb des europäischen Rahmens weitaus effektiver vertreten werden können als außerhalb.

Hungarian PM Viktor Orbán historic borrowing
Laut Bajnai will Orbán zuerst die EU-Mitgliedschaft ausnutzen. Foto: Facebook/Orbán Viktor

Er sieht die NER als politisch erfolgreich an

Bajnai bezeichnete das System der Nationalen Zusammenarbeit (NER) als politisch erfolgreich und verwies darauf, dass der Fidesz vier Wahlen in Folge gewonnen hat. Er betonte jedoch, dass dieser Erfolg “um den Preis des langfristigen Niedergangs des Landes” erkauft wurde, wie er von 444.hu zitiert wird.

Auf der Grundlage objektiver Indikatoren ist Bajnai der Ansicht, dass Ungarn im Vergleich zu seinem Potenzial unterdurchschnittlich abgeschnitten hat. Viele EU-Länder, die zur gleichen Zeit wie Ungarn (oder sogar später) der EU beigetreten sind, haben das Land in Bezug auf Wirtschaftswachstum, Korruptionsindikatoren und die Aufnahme von EU-Mitteln eingeholt oder überholt.

Das System ist innerhalb der EU nicht tragfähig

Bajnai betonte, dass in diesen Ländern die Souveränität nicht abgenommen hat, dass sich die Migrationsprobleme nicht verschärft haben und dass sich in vielen Fällen die Auswanderung umgekehrt hat. Das Wirtschaftswachstum hat sich beschleunigt, und die staatlichen Institutionen funktionieren effizienter.

All dies deutet seiner Meinung nach darauf hin, dass das unter der NER aufgebaute System innerhalb der Europäischen Union auf Dauer nicht haltbar ist, weshalb die Regierung einen zukünftigen Austritt in Betracht zieht.

Es steht viel mehr auf dem Spiel als in einer normalen Demokratie

Im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen sagte Bajnai, dass für die NER-Elite weit mehr auf dem Spiel stehe als in einer “normalen Demokratie”. Er behauptete, dass in Ungarn eine einzige Regierungspartei die staatlichen Institutionen und große Teile der Wirtschaft effektiv in ihre Gewalt gebracht hat. Infolgedessen würde eine Wahlniederlage nicht nur einen Regierungswechsel, sondern einen Regimewechsel bedeuten.

Für diejenigen, die in diesem stark zentralisierten System erheblichen Reichtum angehäuft haben, würde ein solcher Wechsel ernsthafte Risiken mit sich bringen. Folglich könnten sowohl der politische Kampf als auch die Zeit nach den Wahlen äußerst intensiv sein.

Zwei gegensätzliche Kräfte sind für den Wandel notwendig

Bajnai wandte sich auch an die Opposition und sagte, dass ein Sieg der Fidesz in einzelnen Wahlkreisen nur möglich sei, wenn sich zwei klare politische Kräfte gegenüberstehen. Für eine gesellschaftliche Aussöhnung sei es unerlässlich, sich mit den Entscheidungen der Vergangenheit auseinanderzusetzen, Fragen der Verantwortung zu klären und dann eine gemeinsame nationale Grundlage zu formulieren.

Er räumte zwar ein, dass eine rationale, auf Fakten basierende Politik derzeit gegenüber dem spaltenden Populismus im Nachteil ist, doch Bajnai argumentierte, dass der Populismus letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Seiner Ansicht nach könnte auch Ungarn irgendwann in eine nüchterne und klarsichtige politische Ära eintreten.

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