Kremlin rekalibriert nach Orbáns Sturz: “Er war nie ein russischer Verbündeter”

Russlands prominentester Staatspropagandist, Wladimir Solowjow, hat eines der bisher deutlichsten Anzeichen dafür geliefert, dass die mit dem Kreml verbündete Medienmaschinerie nach der Wahlniederlage von Viktor Orbán beginnt, ihre Ungarn-Darstellung zu überdenken.
In einem bemerkenswerten Online-Monolog beharrte Solovyov darauf, dass Orbán nie wirklich “pro-russisch” gewesen sei und beschrieb ihn stattdessen einfach als “pro-ungarisch”. Gleichzeitig deutete er an, dass Péter Magyar aus Moskaus Sicht “auf der falschen Seite der Geschichte” zu stehen scheint.
Die Kommentare markieren eine dramatische Veränderung der Tonalität. Jahrelang war Ungarn in kremlnahen Medien fast ausschließlich positiv dargestellt worden, weil Orbán sich dem Druck der EU widersetzte, wiederholt mit Brüssel aneinandergeriet und eine pragmatischere Haltung gegenüber Russland einnahm.
Jetzt jedoch scheint sich Moskaus Berichterstattung auf Schadensbegrenzung zu verlagern.
Solowjow: Ungarn war nie wirklich ein Verbündeter Russlands
In seinen Äußerungen stellte Solowjow offen in Frage, ob Russland mit Orbáns Niederlage tatsächlich etwas “verloren” habe.
“Was würde Orbáns Verlust bedeuten? Was hätten wir verloren?”, fragte er, bevor er argumentierte, dass Russland trotz der “Hysterie” in mehreren Ländern über eine angebliche russische Einmischung keine Mittel hatte, um das ungarische Wahlergebnis zu beeinflussen.
Er ging noch weiter und betonte, dass Ungarn und Russland schon immer eine historisch schwierige Beziehung hatten, wobei er sowohl Ungarns Rolle im Zweiten Weltkrieg als auch die Revolution von 1956 als Beispiele für langjähriges Misstrauen anführte.
Diese rhetorische Umdeutung ist besonders bemerkenswert, weil sie in scharfem Kontrast zu den jahrelangen Kreml-freundlichen Darstellungen steht, die Budapest oft als einen der wenigen verlässlichen Partner Moskaus innerhalb der Europäischen Union darstellten.
Peskow gibt die neue Linie wieder: Orbán war kein Verbündeter
Die Änderung des Tons wurde auch durch den offiziellen Sprecher des Kremls, Dmitri Peskow, verstärkt.
Nach Orbáns Niederlage sagte Peskow, Moskau habe Orbán nie als russischen Verbündeten betrachtet,
obwohl er einräumte, dass der scheidende ungarische Premierminister offen für einen Dialog geblieben sei. Er fügte hinzu, dass der Kreml noch nicht wisse, ob der designierte Premierminister Péter Magyar ebenso bereit sein werde, Kontakte aufrechtzuerhalten.
Diese Botschaft spiegelt die Formulierung von Solowjow genau wider und deutet auf einen koordinierten Versuch hin, den geopolitischen Verlust eines der wichtigsten europäischen Partner Russlands öffentlich herunterzuspielen.
Gleichzeitig hat der Kreml weiterhin betont, dass er hofft, “pragmatische” Beziehungen zu Ungarns neuer Führung aufrechtzuerhalten.
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Ein klares Zeichen, dass Moskau die Ära Orbán abschreiben will
Die tiefere Bedeutung von Solovyovs Äußerungen liegt vielleicht weniger in dem, was er über Magyar gesagt hat, sondern mehr in dem, was er über Orbán gesagt hat.
Während er Orbáns “sympathisches” politisches Verhalten lobte, erinnerte er die Zuschauer auch daran, dass der ungarische Staatschef immer noch für alle 19 EU-Sanktionspakete gegen Russland gestimmt hat.
Diese Kritik kann als Versuch gewertet werden, Moskau rückwirkend von Orbán zu distanzieren, nur wenige Tage nachdem es eine seiner stärksten Stimmen innerhalb der EU und der NATO verloren hat.
Angesichts der bekannten Nähe Solowjows zum Kreml deutet die Intervention stark darauf hin, dass die russische politische Botschaft das heimische Publikum nun auf ein Ungarn nach Orbán vorbereitet – ein Land, das möglicherweise nicht mehr als Moskaus nützlichster Gesprächspartner in Europa dient.
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