Orbáns geheime EU-Kampagne aufgedeckt: Wie Ungarn seine Botschaft nach Europa trug – und wie viel wir dafür bezahlt haben

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Ein neu auftauchender Medienplan zeigt, dass die Regierung von Viktor Orbán mehr als 313 Millionen HUF für eine Kampagne gezahlt hat, mit der die sieben Punkte umfassende Kritik des ungarischen Ministerpräsidenten an der Europäischen Union im Jahr 2021 in Zeitungen in ganz Europa veröffentlicht wurde.

Ungarische Steuerzahler zahlten mehr als 313 Millionen HUF für eine staatliche Werbekampagne, mit der die Kritik des damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán an der Europäischen Union in ausländischen Zeitungen verbreitet wurde, wie neu zugängliche Dokumente zeigen.

Die im Sommer 2021 gestartete Kampagne war erheblich umfangreicher als bisher bekannt. Während zwei ganzseitige Anzeigen – eine in einer dänischen Zeitung und eine weitere in Spanien – damals Aufmerksamkeit erregten, zeigen Dokumente, die dem investigativen Nachrichtenportal Átlátszó vorliegen, dass Orbáns Botschaft letztendlich in 18 ausländischen Zeitungen veröffentlicht wurde.

Die Kampagne fand zu einem besonders angespannten Zeitpunkt in den Beziehungen Ungarns zur EU statt, nach einer Reihe von Auseinandersetzungen über die Politik der ungarischen Regierung und deren zunehmend konfrontative Haltung gegenüber Brüssel.

Eine 313 Millionen HUF teure Kampagne gegen das „europäische Imperium“

Die Anzeige mit dem Titel „Zur Zukunft der Europäischen Union – Ungarns Vorschläge“ präsentierte sieben Punkte unter Orbáns Unterschrift. Die einleitende Botschaft lautete: „Wir sagen Nein zu einem europäischen Imperium!“

Laut den vom Kabinettsamt des Ministerpräsidenten bereitgestellten Medienplänen zahlte die Regierung für die Kampagne insgesamt 313 Millionen HUF brutto. Die Netto-Werbekosten beliefen sich auf 213,4 Millionen HUF. Hinzu kam eine Agenturgebühr in Höhe von 15 Prozent (32 Millionen HUF), die an New Land Media, das für die Organisation der Kampagne zuständige Unternehmen, gezahlt wurde, zuzüglich Mehrwertsteuer.

Aus den Unterlagen geht hervor, dass die Regierung ursprünglich noch mehr Publikationen ins Visier genommen hatte. Insgesamt wurden offenbar 25 Zeitungen angesprochen, von denen jedoch sieben die Anzeige letztendlich nicht veröffentlichten. Eine davon, die bulgarische Zeitung „24 Chasa“, konnte die Anzeige Berichten zufolge aus technischen Gründen nicht schalten. Die Kampagne ging somit weit über die beiden Anzeigen hinaus, die damals öffentlich bekannt wurden.

Warum wurde Orbáns Botschaft im Jahr 2021 veröffentlicht?

Der Zeitpunkt war entscheidend. Im März 2021 verließ Fidesz die Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europäischen Parlament, nachdem Änderungen an den Fraktionsregeln den Ausschluss einer gesamten Delegation ermöglicht hatten.

Drei Monate später verabschiedete das ungarische Parlament das sogenannte Kinderschutzgesetz der Regierung, das wegen seiner Einschränkungen in Bezug auf LGBTQ-bezogene Inhalte auf breite Kritik stieß. Das Gesetz wurde am 23. Juni verkündet.

Nur wenige Tage später trafen sich die Staats- und Regierungschefs der EU zu einem Gipfeltreffen in Brüssel, bei dem die ungarische Regierung wegen des Gesetzes heftige Kritik hinnehmen musste. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte hatte bereits vor dem Gipfel eine außergewöhnlich harte Haltung eingenommen und erklärt, dass Ungarn seiner Ansicht nach keinen Platz in der EU habe.

Auf dem Gipfel selbst unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs von 17 Mitgliedstaaten eine Erklärung, in der sie das ungarische Gesetz als „eklatante Form der Diskriminierung“ verurteilten.

Die ersten Anzeigen mit Orbáns Stellungnahme erschienen am folgenden Tag, dem 26. Juni, in ausländischen Zeitungen. In den folgenden zwei Wochen wurden die Leser von weiteren 16 Publikationen mit der Sieben-Punkte-Botschaft des ungarischen Ministerpräsidenten konfrontiert.

Was besagten Orbáns sieben Punkte?

Die Anzeige vermittelte eine äußerst euroskeptische Sichtweise auf die Europäische Union. Orbán argumentierte, Brüssel baue ohne demokratische Legitimation einen „Superstaat“ auf, und forderte die Ablehnung dessen, was er als europäisches Imperium bezeichnete.

Er erklärte ferner, die europäische Integration solle eher als Mittel denn als Selbstzweck betrachtet werden, und sprach sich gegen die Aufnahme des Grundsatzes einer „immer engeren Union“ in die EU-Verträge aus.

Ein weiterer Punkt betraf die Forderung, dass Entscheidungen von gewählten Politikern und nicht von internationalen Nichtregierungsorganisationen getroffen werden sollten, wobei er der EU vorwarf, die Rechtsstaatlichkeit auszulagern. Der ungarische Ministerpräsident verband zudem die Zukunft der europäischen Integration mit wirtschaftlichem Erfolg und argumentierte, die EU habe keine Zukunft, wenn die Mitgliedstaaten gemeinsam nicht erfolgreicher sein könnten als einzeln.

Weitere Punkte betrafen Migration und Pandemien, die Stärkung der nationalen Parlamente sowie die Wiederherstellung des Vertrauens der Öffentlichkeit in die europäische Demokratie. Besonders bemerkenswert war der abschließende Vorschlag: Serbien solle in die Europäische Union aufgenommen werden.

Mehrere große europäische Zeitungen lehnten die Anzeige ab

Nicht jede Zeitung, an die sich die ungarische Regierung gewandt hatte, erklärte sich bereit, die Kampagne zu veröffentlichen. Der Chefredakteur von „The Times of Malta“ erklärte, die Zeitung wolle kein Geld von einer Regierung annehmen, die die Pressefreiheit, die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit einschränke. Die Veröffentlichung der Anzeige, so argumentierte er, hätte die Zeitung zu einem Instrument einer Politik machen können, die der Pressefreiheit zuwiderläuft.

Die belgische Zeitung „De Standaard“ lehnte die Anzeige ebenfalls ab und veröffentlichte stattdessen eine ganzseitige, in Regenbogenfarben gestaltete Stellungnahme. „La Libre Belgique“ argumentierte Berichten zufolge, dass Orbáns Anzeige nicht der Wahrheit entspreche, während „De Morgen“ sie ablehnte, da die Botschaft mit den Werten der Zeitung unvereinbar sei.

Die schwedische Zeitung „Dagens Nyheter“ bot Orbán stattdessen ein Interview an, erhielt jedoch keine Antwort. Unterdessen argumentierte die „Irish Times“, dass die ungarische Regierung versuche, mit Geld den redaktionellen Prozess zu umgehen und ihre eigene Botschaft direkt den Lesern zu präsentieren.

Eine Kampagne, die über Orbáns Verbündete hinausreichen soll

Die Zeitungen, die die Anzeigen veröffentlichten, standen der ungarischen Regierung nicht ausschließlich wohlwollend gegenüber. Den Unterlagen zufolge stand etwa die Hälfte der Publikationen, die die Kampagne veröffentlichten, der Regierung Orbáns in gewissem Maße kritisch gegenüber, während die andere Hälfte ihr gegenüber positiver eingestellt war.

Die Auswahl lässt zudem vermuten, dass die Regierung ein breites internationales Publikum ansprechen wollte, anstatt sich lediglich auf Publikationen in Ländern zu konzentrieren, die als politische Verbündete gelten. Die Kampagne umfasste konservative und rechtsgerichtete Zeitungen, aber auch Mainstream-Titel wie die französische „Le Figaro“ und die schwedische „Dagens Industri“.

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