Eine andere Seite Polens: Fabriken, Start-ups und Stadtentwicklung in Niederschlesien

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In zwei Städten im Südwesten Polens haben wir uns angesehen, wie lokale Entscheidungsträger versuchen, multinationale Unternehmen anzuziehen, einheimische Betriebe zu stärken und ein Umfeld zu schaffen, in dem die Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch leben möchten. Als Teil einer achtköpfigen internationalen Journalistengruppe besuchten wir Wałbrzych und Wrocław im Rahmen einer vom Warsaw Enterprise Institute organisierten Studienreise. Von einem Mercedes-Werk über ein polnisches KMU bis hin zu einem Technologieunternehmen, das in einer Garage gegründet wurde, zeichnete sich eine überraschend einheitliche Strategie ab. Auch ungarische Städte und ihre Verantwortlichen könnten hier Ideen finden, die es wert sind, in Betracht gezogen zu werden.

Das mehrtägige Programm wurde im Auftrag des Warsaw Enterprise Institute von Marta Roels und Łukasz Wojdyga begleitet. Beide sind in stark international geprägten Bereichen tätig: Roels ist Projektkoordinatorin und Analystin beim WEI, während Wojdyga auf internationale akademische und wissenschaftliche Zusammenarbeit spezialisiert ist.

Unsere erste wichtige wirtschaftliche Station war Wałbrzych. Ein Begriff tauchte während der Eröffnungsvorträge immer wieder auf: der Aufbau eines Ökosystems. Mit anderen Worten: Es reicht nicht aus, lediglich ein Werk anzusiedeln. Um dieses herum muss alles geschaffen werden, was dessen langfristigen Erfolg ermöglicht. Und das richtige Umfeld kann KMU ebenso zugutekommen wie den Industriegiganten nebenan.

In Polens Industrieregion geht es längst nicht mehr nur um Gigafabriken

Die Präsentation der Sonderwirtschaftszone Wałbrzych – WSEZ „Invest-Park“ wurde von Marcin Lerner, dem Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens, eröffnet. Anschließend gab uns Katarzyna Prociak, die für Investitionsakquise und Vertrieb zuständige Direktorin, einen genaueren Einblick in die Funktionsweise der Zone.

Den vorgelegten Zahlen zufolge sind fast 450 Investoren in der Zone tätig, wobei sich das Gesamtinvestitionsvolumen auf rund 48 Milliarden PLN beläuft. Den dort ansässigen Unternehmen wird die Schaffung von etwa 90.000 Arbeitsplätzen zugeschrieben.

Zu den bekanntesten Namen zählen Toyota, Mercedes-Benz und Electrolux, wobei Mercedes zudem ein Werk im nahegelegenen Jawor betreibt. Eine Botschaft wurde jedoch während der Präsentationen immer wieder betont: Die Strategie konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf Gigafabriken. Auch polnische und ausländische kleine und mittlere Unternehmen werden aktiv angesprochen.

Investoren können zudem steuerliche Anreize erhalten. Das Besondere an diesem Programm ist, dass die Förderung nicht als einmaliger großer Zuschuss ausgezahlt wird. Stattdessen kann ein förderberechtigtes Unternehmen den bewilligten Betrag schrittweise bei der Steuerzahlung in Anspruch nehmen. Die Höhe der Förderung hängt unter anderem von der Größe des Unternehmens und der Investition selbst ab, wobei in den günstigsten Fällen ein Vorteil von bis zu 25 Prozent gewährt wird.

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Invest-Park betreibt zudem ein Ausbildungszentrum zur Unterstützung von Unternehmen, die bereits in der Region tätig sind, während InvestUp Start-ups mit etablierten Unternehmen zusammenbringt. Der Gedanke hinter beiden Programmen ist derselbe: Eine Fabrik benötigt Zulieferer, qualifizierte Arbeitskräfte, Forschungskapazitäten und eine neue Generation von Unternehmen in ihrer Umgebung.

Roman Szełemej spricht von einer ganzen Stadt, nicht von isolierten Projekten

Bei Invest-Park stellte uns Roman Szełemej, Bürgermeister von Wałbrzych, die Stadt vor. Der von Beruf Kardiologe ist seit 2011 an der Spitze von Wałbrzych und wurde 2024 mit 71 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Sein Vortrag vermittelte den Eindruck, dass die Einwohner die von ihm vorgegebene Richtung für die Stadt weitgehend mitgetragen haben und dass die Entwicklung als ein umfassendes Gemeinschaftsprojekt betrachtet wird.

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Roman Szełemej, Bürgermeister von Wałbrzych

Der vielleicht auffälligste Aspekt von Szełemejs Vortrag war, dass er nicht versuchte, uns ein spektakuläres Vorzeigeprojekt anzupreisen. Er sprach über Wohnungsbau, Verkehr, Gesundheitswesen, Bildung und Energieversorgung mit dem gleichen Nachdruck wie über industrielle Investitionen.

Wałbrzych, das sein 600-jähriges Jubiläum feiert, hat rund 100.000 Einwohner. Der Präsentation zufolge sind 66 Prozent des Stadtgebiets von Grünflächen bedeckt, und jährlich besuchen rund 750.000 Touristen die Stadt. Eine der Prioritäten der Stadt ist es, junge Familien im Ort zu halten, unter anderem durch den Bau neuer kommunaler Wohnungen.

Szełemej sprach zudem mit besonderem Stolz über die zunehmende Bedeutung der Energiegewinnung aus Biomasse. Gleichzeitig versucht Wałbrzych, seine geografische Lage in einen Wettbewerbsvorteil zu verwandeln: Die tschechische Grenze ist nur etwas mehr als 20 Kilometer entfernt, während Berlin, Prag und Wien alle so nah liegen, dass es wenig Sinn macht, die wirtschaftliche Position der Stadt ausschließlich im Verhältnis zu Warschau zu betrachten.

Die konkreten Investitionsmöglichkeiten der Stadt wurden von Arkadiusz Grudzień, dem Leiter von InWałbrzych, vorgestellt. Die Aufgabe des kommunalen Unternehmens besteht im Wesentlichen darin, die übergeordnete Stadtentwicklungsstrategie in konkrete Investitionsangebote umzusetzen.

Ein Großunternehmen und ein KMU: John Cotton und WLV

Die Werksbesichtigungen am Nachmittag veranschaulichten, was die Förderung sowohl großer als auch kleinerer Unternehmen in der Praxis bedeutet.

Unsere erste Station war das Werk von John Cotton Europe. Laut Michael Harrington, dem Geschäftsführer der Unternehmensgruppe, ist das mehr als hundert Jahre alte Familienunternehmen mittlerweile in sieben Ländern auf drei Kontinenten tätig und beschäftigt rund 1.600 Mitarbeiter.

John Cotton

Tesco spielte eine wichtige Rolle bei der Ansiedlung des Unternehmens in Polen und holte es als Partner nach Mitteleuropa. Der nächste große Schritt wird die Automatisierung sein: Das Unternehmen bereitet derzeit ein neues Logistikzentrum vor, in dem der Warenumschlag nach Ankunft eines LKWs künftig vollständig durch automatisierte Systeme abgewickelt werden könnte.

Eines der einprägsamsten Nebenthemen während der Werksbesichtigung war der Austausch von Kissen. Harrington überraschte die Gruppe mit der Aussage, dass Kissen aus hygienischer Sicht idealerweise alle sechs Monate ausgetauscht werden sollten. Polnische Verbraucher, so sagte er, behielten ihre Kissen Berichten zufolge im Durchschnitt etwa achteinhalb Jahre lang. Ungarische Haushalte schnitten dabei möglicherweise nicht unbedingt besser ab.

Von dort aus fuhren wir zum Werk von WLV W. Kocoń M. Joński. Das polnische KMU ist in den Bereichen industrielle Kunststofftechnik, Luft- und Gasreinigungssysteme, Tanks und andere spezialisierte Industrielösungen tätig.

WLV mag zwar ein weniger bekannter Name sein als Mercedes, doch genau deshalb war die Einbindung des Unternehmens in das Programm von Bedeutung. Polens enorme Zahl an mittelständischen Unternehmen bildet insgesamt eine wichtige Grundlage für Beschäftigung, Produktion und Steuereinnahmen. Darüber hinaus könnten einige der heutigen mittelständischen lokalen Unternehmen zu den großen polnischen Herstellern und Marken der nächsten 10 oder 20 Jahre werden.

Nach einem ereignisreichen Tag in Wałbrzych wurde das Programm etwas entspannter: Der Abend klang mit einem Konzert von George Dyer Blues im Vertigo Jazz Club in Breslau aus.

Vertigo Jazz Club Wroclaw
Vertigo Jazz Club, Breslau, Polen. Foto: Daily News Hungary

Der Tag in Breslau begann mit Staatssekretär Michał Jaros

Am folgenden Morgen begleitete uns Michał Jaros, Staatssekretär im polnischen Ministerium für Entwicklung und Technologie, zu einem informellen Frühstück. Jaros selbst hat enge Verbindungen zu Niederschlesien und konnte als Politiker und Wirtschaftswissenschaftler die Region aus einer nationalwirtschaftlichen Perspektive beleuchten, nachdem wir sie am Vortag auf der Ebene der Fabriken betrachtet hatten.

Derzeit ist er als Staatssekretär in der polnischen Regierung tätig, und unsere Diskussion hinter verschlossenen Türen befasste sich mit einigen der wichtigsten Investitionsfragen, mit denen das Land konfrontiert ist.

Wrocław wirkt auf den ersten Blick wie eine völlig andere Welt als Wałbrzych. Das architektonische Erbe der ehemaligen deutschen Stadt Breslau ist nach wie vor deutlich sichtbar, während die moderne Stadt drumherum jung, dynamisch und auffallend international wirkt.

Radosław Michalski, der für die Stadtmarke von Breslau zuständige Direktor, erläuterte diese Seite der Stadt näher. Seine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, die wirtschaftlichen, touristischen und kulturellen Stärken von Breslau zu einem einheitlichen, wiedererkennbaren Image zu vereinen.

An seiner Seite stellte Magdalena Okulowska, Präsidentin der Agentur für die Entwicklung des Ballungsraums Wrocław (ARAW), das Investitionspotenzial des gesamten Ballungsraums vor. Die ARAW befasst sich unter anderem mit der Gewinnung von Investoren und der Unterstützung von Entwicklungsprojekten im gesamten Ballungsraum.

Der Präsentation zufolge ist jeder fünfte Einwohner von Breslau Ausländer, während rund 60.000 ausländische Studierende und Arbeitnehmer aus mehr als 120 Nationen in der Stadt leben. Breslau verfügt zudem über 30 internationale Schulen und Kindergärten.

Mehr als 126.000 Studierende besuchen 30 Hochschulen, während in der gesamten Region mehrere hundert Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen tätig sind. Hervorzuheben ist zudem die Präsenz von LG, da das Unternehmen dazu beigetragen hat, besonders starke wirtschaftliche Verbindungen zu Südkorea aufzubauen.

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Wrocław möchte mehr als nur Investoren überzeugen

Die Lebensqualität spielt in der Wirtschaftsstrategie von Breslau eine überraschend große Rolle. Kultur, das Leben an der Oder und zunehmend auch die Gastronomie sind Teil des Werbeslogans der Stadt.

Im Jahr 2026 wurden 28 Restaurants aus Breslau in den Michelin-Führer aufgenommen – sechs mehr als im Vorjahr. BABA und MOST erhielten jeweils einen Michelin-Stern, drei Restaurants wurden mit dem „Bib Gourmand“-Status ausgezeichnet, während die übrigen zu den von Michelin empfohlenen Restaurants gezählt wurden.

Wir hatten die Gelegenheit, diese Seite der Stadt selbst zu erleben. An einem Abend besuchten wir das „Przystań & Marina“, das zu den vom Michelin-Führer empfohlenen Restaurants in Breslau zählt. Das Restaurant liegt auf einer Insel direkt an der Oder und wird im Führer für seine mediterran inspirierte Küche, die Verwendung regionaler Zutaten und seine Lage am Wasser hervorgehoben.

Unsere Gruppe arbeitete sich durch ein mehrgängiges Degustationsmenü, das bei den acht internationalen Journalisten einhellig großen Anklang fand. Nach tagelangen Präsentationen und Werksbesichtigungen bot dies zudem die Gelegenheit, die viel gepriesene Lebensqualität in Breslau auch jenseits von Investitionsstatistiken kennenzulernen.

Das ist von Bedeutung, denn Wrocław versucht ganz offensichtlich nicht nur, Arbeitsplätze zu verkaufen. Die Stadt möchte Ingenieure, Forscher, Führungskräfte und deren Familien, die mit neuen Investoren ankommen, auch davon überzeugen, dass es Gründe gibt, langfristig zu bleiben. Internationale Schulen, kulturelle Einrichtungen, Parks und Uferbereiche sowie eine zunehmend von Michelin ausgezeichnete Gastronomieszene sind allesamt Teil derselben Strategie.

Vom Labor auf den Markt

Im Wrocław Technology Park(WPT) konnten wir die Idee eines unternehmerischen Ökosystems in greifbarer Form erleben.

Der Präsentation zufolge sind auf dem Campus mehr als 200 Unternehmen ansässig, die über 2.000 Mitarbeiter beschäftigen. Der aus acht Gebäuden bestehende Komplex bietet rund 66.000 Quadratmeter an Büro-, Labor-, Forschungs-, Produktions- und Lagerflächen.

Außerdem wurde uns ein Pilotproduktionsbereich gezeigt, in dem Unternehmen einen Prozess zunächst in kleinem Maßstab testen können, bevor sie möglicherweise eine ganze Fabrik darauf aufbauen. Dies ist besonders für kleinere Unternehmen von Bedeutung: Ein Start-up muss nicht erst Millionen Euro in ein eigenes Labor investieren, bevor es mit der Erprobung eines echten Produkts beginnen kann.

Ein Garagen-Start-up und die Zukunft der digitalen Identität

Unsere letzte Station war Identt, das als klassisches Garagen-Start-up begann und heute Lösungen zur digitalen Identität für Banken, Finanzunternehmen und andere regulierte Branchen entwickelt.

Eine der Aufgaben des Systems besteht darin, zu überprüfen, ob die Person vor der Kamera tatsächlich die ist, für die sie sich ausgibt. Dieselbe Technologie lässt sich auch in Zugangskontrollsystemen einsetzen: Das Stehlen oder Ausleihen einer fremden Zugangskarte nützt wenig, wenn das System zudem die Person identifiziert, die sie in der Hand hält.

identt poland

Die nächste große Veränderung könnte mit dem „European Digital Identity Wallet“ einhergehen. Nach diesem Konzept können Nutzer selbst genau steuern, welche Informationen aus ihren Ausweisdokumenten, ihrem Führerschein, ihrem Abschlusszeugnis oder anderen digitalen Nachweisen sie mit wem teilen.

Polen möchte nicht mehr nur billiger sein

Nach dem Besuch der beiden Städte landeten wir wieder dort, wo Marcin Lerner und Katarzyna Prociak in Wałbrzych begonnen hatten: bei der Idee eines Ökosystems.

Roman Szełemej und Arkadiusz Grudzień versuchen, eine ehemalige Industriestadt in einen Ort zu verwandeln, an dem einheimische Unternehmen wie WLV neben Mercedes eine Zukunft haben. In Wrocław nutzen Radosław Michalski und Magdalena Okulowska die Mittel, die einer internationalen Stadt zur Verfügung stehen: Universitäten, ausländische Fachkräfte, technologische Infrastruktur, Kultur, multinationale Unternehmen und Start-ups.

Und das war vielleicht die interessanteste Erkenntnis dieser Reise. Dieser Teil Polens versucht nicht mehr, mit Westeuropa zu konkurrieren, indem er einfach nur billiger ist. Das Ziel ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Investition eines ausländischen Industriegiganten genauso viel zählt wie die eines lokalen Kleinunternehmens, das sich eines Tages vielleicht zu Polens nächster großer internationaler Marke entwickeln könnte.

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