Kroatien führt nach fast zwei Jahrzehnten die Wehrpflicht wieder ein

Nach fast 20 Jahren ohne Wehrpflicht hat Kroatien mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht für junge Männer begonnen. Dies spiegelt eine breitere Neubewertung der Sicherheitspolitik auf dem Balkan und in Mitteleuropa wider.
Wie die Deutsche Welle berichtet, haben Anfang Januar 2026 rund 1.200 kroatische Schulabgänger Einberufungsbescheide für einen zweimonatigen Militärdienst erhalten. Sie sind die erste Generation, die seit der Abschaffung der Wehrpflicht im Jahr 2008, kurz vor dem NATO-Beitritt des Landes, eingezogen wird.
Damals war es das Ziel Kroatiens, seine Streitkräfte zu professionalisieren und von der Masseneinberufung wegzukommen. Fast zwei Jahrzehnte später haben die sich verändernden geopolitischen Gegebenheiten zu einer Kehrtwende geführt.
Der Krieg ist näher an der Heimat als früher
Obwohl Kroatien nicht direkt in den Krieg in der Ukraine verwickelt ist, fühlt sich der Konflikt nicht mehr weit entfernt an. Da Ungarn das einzige Land ist, das Kroatien von der Ukraine trennt, haben sich die regionalen Sicherheitsbedenken verstärkt.
Ein Vorfall im Jahr 2022 hat dieses Gefühl der Verwundbarkeit noch verstärkt, als eine nicht identifizierte Drohne – von der man annimmt, dass sie mit dem Krieg in der Ukraine in Verbindung steht – in Zagreb abstürzte. Obwohl der Schaden begrenzt war, hatte er eine tiefgreifende psychologische Wirkung auf die politischen Entscheidungsträger.
Die kroatische Militärführung hat auch ihre Besorgnis über den Personalbestand zum Ausdruck gebracht. Das Land verfügt derzeit über weniger als 15.000 Soldaten im aktiven Dienst, eine Zahl, die für die langfristige Landesverteidigung als unzureichend angesehen wird.
Breite politische und öffentliche Unterstützung
Der Vorschlag zur Wiedereinführung der Wehrpflicht wurde im Vorfeld der kroatischen Parlamentswahlen 2024 eingebracht. Verteidigungsminister Ivan Anušić argumentierte, dass der Militärdienst jungen Männern helfen würde, Disziplin zu entwickeln und die Gesellschaft auf “jede größere Bedrohung” vorzubereiten.
Die Reaktion der Öffentlichkeit war weitgehend positiv. Meinungsumfragen zeigten, dass rund 70% der Kroaten den Schritt unterstützten und die Regierungspartei HDZ wurde wiedergewählt. Das notwendige Gesetz wurde im Oktober 2025 mit großer Mehrheit vom Parlament verabschiedet und stieß nur auf geringen Widerstand.
Bemerkenswert ist, dass die anfängliche Einführung kaum öffentliche Proteste ausgelöst hat und Experten vermuten, dass die Nachfrage sogar die Zahl der verfügbaren Ausbildungsplätze übersteigen könnte.
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Ein breiterer Trend im ehemaligen Jugoslawien
Die Entscheidung Kroatiens fügt sich in eine breitere regionale Debatte ein. Mehrere Länder, die aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangen sind, überdenken die Wehrpflicht und knüpfen damit an Praktiken aus der sozialistischen Ära an, als junge Männer in der Regel ein Jahr beim Militär dienten.
In den letzten Jahren Jugoslawiens machten Wehrpflichtige zwei Drittel der Bodentruppen aus, unterstützt von einem großen Pool an ausgebildeten Reservisten. Nach den Kriegen der 1990er Jahre haben die neuen unabhängigen Staaten die Wehrpflicht jedoch schrittweise abgeschafft.
Slowenien beendete die Wehrpflicht im Jahr 2003, Serbien folgte im Jahr 2010. Jahrelang wurde angenommen, dass die Integration in die EU und die NATO den Bedarf an großen Bürgerarmeen verringern würde. Diese Annahme wird nun in Frage gestellt.
Slowenien und Serbien schauen genau hin
In Slowenien schlug eine frühere rechte Regierung die Wiedereinführung des Wehrdienstes bereits 2020 vor und begründete dies mit der mangelnden Bereitschaft und der schrumpfenden Zahl von etwa 7.000 Soldaten in den Streitkräften. Die derzeitige Mitte-Links-Regierung hat diesen Vorschlag zwar nicht aufgegriffen, aber die bevorstehenden Wahlen könnten das Thema wieder in den Vordergrund rücken.
Serbien hat unterdessen wiederholt seine Absicht signalisiert, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Obwohl mehrere Fristen ohne Umsetzung verstrichen sind, hat Verteidigungsminister Bratislav Gašić angedeutet, dass dem Parlament im Jahr 2026 ein Gesetzentwurf vorgelegt werden könnte.
Bereitschaft, nicht Aggression
Trotz der steigenden Verteidigungsausgaben und der erneuten Konzentration auf das Personal warnen Analysten davor, diese Entwicklungen als Zeichen eines bevorstehenden Konflikts zu interpretieren.
Sicherheitsexperten betonen, dass das erneute Interesse an der Wehrpflicht in erster Linie defensiv ist und eher auf Vorsorge und Abschreckung als auf offensive Planung abzielt. Szenarien, die einen bewaffneten Konflikt zwischen den Balkanstaaten beinhalten, werden weithin als unwahrscheinlich angesehen.
Dennoch markiert die Rückkehr der Wehrpflicht eine symbolische Wende. In einem zunehmend unberechenbaren internationalen Umfeld scheinen sich die Regierungen in der gesamten Region wieder auf traditionelle Instrumente der Landesverteidigung zu besinnen, die einst als überholt galten.
Für einige ist die Wehrpflicht eine unangenehme Erinnerung an die Vergangenheit. Für andere ist sie eine pragmatische Reaktion auf eine Welt, die sich weniger stabil anfühlt als noch vor einem Jahrzehnt.
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