Sexueller Missbrauch, Hunger, Elend und Unfallgefahren: Die Orbán-Regierung hat die Realität in den ungarischen Kinderheimen verschleiert

Sprache ändern:
Derzeit leben rund 7.000 Kinder in Kinderheimen in Ungarn. Ein Anfang 2024 erstellter Bericht deckte entsetzliche Zustände in diesen Einrichtungen auf, doch die Regierung Orbán entschied sich stattdessen dafür, die Realität zu verschleiern: Missbrauch, fehlende psychologische Betreuung, Hunger sowie veraltete, unbrauchbare Möbel und Ausrüstung. Die neue Regierung hat Maßnahmen versprochen, ist jedoch bislang erst bei der Bestandsaufnahme der Zustände angelangt.
Die Regierung Orbán versuchte, die Wahrheit zu verschleiern
Hungernde Kinder, schimmelige Badezimmer, gefährliche Möbel und Fußböden, ein Mangel an Psychologen sowie sexueller Missbrauch unter Gleichaltrigen: Dies waren einige der Erkenntnisse, die in den von der Orbán-Regierung Anfang 2024 im Anschluss an den Skandal um die Begnadigungen durch den Präsidenten in Auftrag gegebenen Inspektionsberichten zum Kinderschutz offenbart wurden. Die Regierung hielt die Ergebnisse bis zum allerletzten Moment geheim. Direkt36 gelangte schließlich im Rahmen eines Rechtsstreits an die Dokumente, die nach dem Regierungswechsel am 31. Juli vom Nachfolgeministerium des Innenministeriums, dem Ministerium für Soziales und Familienangelegenheiten, übergeben wurden.

Laut Telex wollte die Regierung zunächst feststellen, ob sexueller Missbrauch in anderen Einrichtungen vertuscht worden war, wie es im Fall Bicske geschehen war. Bei den Inspektionen wurde nur ein solcher Fall festgestellt. Die Überprüfung aller 530 Kinderheime deckte jedoch eine große Anzahl weiterer, zutiefst beunruhigender Missstände auf.
Missbrauch, Unterernährung und Gewalt unter Gleichaltrigen
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus den Dokumenten ist, dass die Probleme weit über einzelne Missbrauchsfälle hinausgingen. Ein Bericht aus dem Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg stellte fest, dass es in staatlich geführten Einrichtungen fast schon an der Tagesordnung war, dass von Missbrauch betroffene Kinder keine angemessene psychologische Betreuung erhielten, während seit Jahren ein Mangel an Psychologen herrschte. Auch in anderen Bereichen herrschte ein erheblicher Fachkräftemangel: Es gab zu wenige Erzieher und Kinderbetreuer, während die Fluktuation des Personals ein weiteres schwerwiegendes Problem darstellte.
Die Erkenntnisse zur Gewalt unter Gleichaltrigen zeichnen ein besonders düsteres Bild. Im Komitat Vas beispielsweise stieg die Zahl der Fälle sexuellen Missbrauchs zwischen Kindern in Kinderheimen an, wobei der jüngste Täter gerade einmal neun Jahre alt war. Im Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg stellten Inspektoren fest, dass ein Missbrauchsfall in einer kirchlich geführten Einrichtung nicht ordnungsgemäß untersucht worden war.

Der vielleicht schockierendste Fall kam im Komitat Bács-Kiskun ans Licht. In einem spezialisierten Kinderheim endete das Abendessen um halb sieben Uhr abends; danach hatten die Kinder keinen Zugang mehr zu Brot, Butter, Marmelade oder anderen Lebensmitteln. Dies geschah, obwohl in der Einrichtung Kinder untergebracht waren, die Sport trieben und besondere Betreuungsbedürfnisse hatten; dem Bericht zufolge benötigten sie daher mehr Nahrung. Unter Berufung auf polizeiliche Ermittlungen heißt es in dem Dokument, dass sich einige Kinder im Austausch gegen Nahrung sexuellen Missbräuchen durch Gleichaltrige aussetzten.
Warum hat die Regierung es versäumt, grundlegende Lebensbedingungen zu gewährleisten?
Auch die baulichen Gegebenheiten blieben in vielen Einrichtungen hinter dem zurück, was vernünftigerweise zu erwarten war. In einem Kinderheim im Komitat Bács-Kiskun fanden Inspektoren veraltete und gefährliche Betten und Kleiderschränke, zerrissene Möbel und rissige Fußböden vor. In Budapest funktionierten in einem Gebäude nur zwei von 20 Lampen; an anderer Stelle konnten gespendete Geräte aufgrund der veralteten elektrischen Leitungen nicht genutzt werden. In der Hauptstadt gab es zudem Badezimmer, die fast 50 Jahre alt und unmöglich zu reinigen waren, während mehrere Einrichtungen nicht einmal über Reinigungspersonal verfügten.

Im Komitat Vas fanden die Inspektoren zudem Kinderheime, in denen die Badezimmer aufgrund von Undichtigkeiten unbenutzbar geworden waren. Infolgedessen mussten sich 12 Kinder ein einziges Badezimmer teilen, dessen Wände durch die Feuchtigkeit verschimmelt waren und dessen Putz abbröckelte. Dem Bericht zufolge hatten sich die Zustände seit der letzten Inspektion weiter verschlechtert.
Skandal, falls zutreffend: Zsolt Semjén, ehemaliger Stellvertreter von Ministerpräsident Orbán und Vorsitzender der Oppositionspartei KDNP, wird vom Opfer der Vergewaltigung einer Minderjährigen beschuldigt

Das derzeitige Ministerium für Soziales und Familienangelegenheiten erklärt, dass das Kinderschutzsystem bis zum Jahr 2026 praktisch vollständig zum Erliegen gekommen sei, wodurch ein dringender Bedarf an neuen Plätzen und einer Lösung für die Krisenbetreuung entstanden sei. Das Ministerium kündigt an, am 31. August einen Bericht zu veröffentlichen, der den ersten Teil seiner „Kinderschutzdiagnose“ abschließt und auch relevante Daten aus dem jüngsten Teilbericht zum Kinderschutz enthalten wird. Erst dann könnten endlich Maßnahmen zur Verbesserung der Bedingungen ergriffen werden.
Waren ausländische Studierende in Ungarn Orbáns nächstes Ziel? Influencer erleidet spektakulären Gegenwind

