Ungarn verfügt noch über russisches Erdgas für ein Jahr – Könnte Putin die Lieferungen schon früher einstellen?

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Nach den geltenden Vorschriften der Europäischen Union dürfte Ungarn nur noch etwas mehr als ein Jahr lang mit russischem Gas versorgt werden. Doch ein jüngster diplomatischer Streit mit Moskau hat eine dringlichere Frage aufgeworfen: Könnte Russland beschließen, die Lieferungen einzustellen, noch bevor das EU-Verbot in Kraft tritt?
Ein diplomatischer Streit hat Ungarns Energieabhängigkeit von Russland erneut in den Fokus gerückt
Am 8. September kündigte die ungarische Außenministerin Anita Orbán an, dass Budapest zehn Mitarbeiter der russischen Botschaft ausweisen werde, da die ungarischen Behörden festgestellt hätten, dass diese Aktivitäten ausgeübt hätten, die mit ihrem diplomatischen Status unvereinbar seien.
Moskau bezeichnete diesen Schritt als unfreundlich und kündigte eine Reaktion an, was Spekulationen auslöste, dass sich Vergeltungsmaßnahmen über den diplomatischen Bereich hinaus auf die Öl- oder Gaslieferungen ausweiten könnten. Am folgenden Tag sanken die russischen Gaslieferungen nach Ungarn von den üblichen 22 Millionen Kubikmetern auf rund 11 Millionen. Dabei gab es jedoch ein wichtiges Detail: Die Reduzierung wurde nicht von Moskau angeordnet. Sie war auf geplante Wartungsarbeiten in Ungarn zurückzuführen.
Die Gaslieferungen wurden wegen geplanter Wartungsarbeiten unterbrochen
Der ungarische Gasnetzbetreiber FGSZ hatte bereits angekündigt, dass die Kapazität am Einspeisepunkt Kiskundorozsma 2 aus Serbien zwischen dem 9. und 12. September um die Hälfte reduziert werden würde. Weitere Wartungsarbeiten waren zudem an der ungarisch-kroatischen Verbindungsstelle bei Drávaszerdahely geplant. Am 12. September wurde der normale Betrieb wieder aufgenommen.
Es gab daher keine Anhaltspunkte dafür, dass Moskau mit einer absichtlichen Reduzierung der Gaslieferungen Vergeltungsmaßnahmen ergriffen hatte. Dennoch verdeutlichte der Zeitpunkt, wie anfällig Ungarn für eine tatsächliche Unterbrechung sein könnte.
Russisches Gas hat bereits ein Verfallsdatum
Im Rahmen des REPowerEU-Programms der EU sollen Importe von russischem Pipelinegas und LNG bis zum Herbst 2027 unionsweit verboten werden. Dies wird auch Ungarn und die Slowakei betreffen, die beiden EU-Länder, die weiterhin erhebliche Mengen an russischem Pipelinegas beziehen.
Der entscheidende Zeitpunkt wird voraussichtlich um den 1. Oktober 2027 oder kurz danach liegen, wenn die Gasspeichersaison endet. Damit bleibt noch etwa ein Jahr Zeit. Die Frage ist daher nicht nur, ob russisches Gas letztendlich aus Ungarn verschwinden wird, sondern ob Moskau einen Grund hat, die Lieferungen bereits früher einzustellen.
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Warum Russland die Gaslieferungen möglicherweise aufrechterhalten wird
Ungarische Energiemarktexperten sind allgemein der Ansicht, dass Russland kaum Anreize hat, freiwillig auf einen seiner letzten großen europäischen Pipelinekunden zu verzichten. Der Grund dafür ist in erster Linie wirtschaftlicher Natur. Da sich die russische Kriegswirtschaft stark auf die Finanzierung der Kriegsanstrengungen konzentriert, wäre es kaum attraktiv, auf Einnahmen aus dem Gasverkauf an Ungarn zu verzichten.
Laut Telex könnte Russland zudem hoffen, dass sich die energiepolitischen Beziehungen zwischen Europa und Russland letztendlich verbessern könnten. Ungarn und die Slowakei gehören nach wie vor zu den letzten bedeutenden Abnehmern von russischem Pipelinegas in der EU. Für Ungarn wäre eine abrupte Unterbrechung jedoch nach wie vor schmerzhaft.
Pipelinegas aus Russland war bisher wirtschaftlich attraktiv, da der Lieferant die Transportkosten bis zum Lieferort effektiv übernimmt. Alternatives Gas mag zwar zu ähnlichen Marktpreisen erhältlich sein, doch der Transport nach Ungarn kann die Kosten um etwa 5 bis 10 Prozent erhöhen.
Könnte Ungarn die russischen Lieferungen ersetzen?
Das Aus für russisches Gas würde nicht bedeuten, dass Ungarn einfach keine Energie mehr hätte. Derzeit gelangt Gas aus Serbien, Rumänien, Kroatien und Österreich nach Ungarn, wobei die serbische Route bei weitem die wichtigste ist. Über die südliche Verbindung wird russisches Gas über den Balkan-Zweig von TurkStream transportiert.
Sollten die russischen Lieferungen ausfallen, könnten erhöhte Kapazitäten aus Rumänien und Kroatien dazu beitragen, diese zu ersetzen, während auch Importe aus Österreich einen Beitrag leisten könnten. Die größte Herausforderung bestünde darin, eine ausreichende Infrastruktur und wettbewerbsfähige Preise sicherzustellen, und nicht so sehr darin, Gas in absoluten Mengen zu beschaffen.
Könnte russisches Gas getarnt werden?
Eine mögliche Lösung könnte über die Türkei führen, die sich mit Lieferungen aus mehreren Ländern zunehmend zu einem wichtigen Gasknotenpunkt entwickelt. Russisches Gas in „türkisches“ Gas umzuwandeln, ist jedoch alles andere als einfach. Die entsprechende TurkStream-Infrastruktur verbindet das russische Gas nicht einfach direkt mit dem türkischen Inlandsnetz, sodass ein solcher Wechsel möglich wäre.
Es wäre zusätzliche Infrastruktur, einschließlich Kompressorkapazitäten, erforderlich, und Russland und die Türkei müssten sich zudem darüber einigen, wie die daraus resultierenden Einnahmen aufgeteilt werden. Eine weitere Möglichkeit wäre, russisches Gas als aus einem anderen Herkunftsland stammend zu deklarieren.
Es ist jedoch zu erwarten, dass die EU-Vorschriften erheblichen Druck auf die Händler ausüben werden, denen bei einer falschen Angabe der Herkunft der Lieferungen schwerwiegende Konsequenzen drohen könnten. Gas lässt sich zudem schwerer zurückverfolgen als Öl, da sich Moleküle aus unterschiedlichen Quellen innerhalb miteinander verbundener Netze vermischen können.
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Der Countdown läuft bereits
Der jüngste diplomatische Streit dürfte daher weniger wichtig sein als der übergeordnete Trend: Ungarns Beziehungen zu Russland im Bereich der Gasversorgung haben bereits ein Ablaufdatum. Branchenquellen deuten darauf hin, dass Budapest zunehmend akzeptiert hat, dass die russischen Gasimporte im Herbst 2027 enden werden, wobei derzeit keine nennenswerte ungarische Initiative bekannt ist, die darauf abzielt, den EU-Zeitplan zu verlängern. Russland könnte die Lieferungen zwar noch früher einstellen, hat dafür jedoch möglicherweise kaum wirtschaftliche Anreize.
Für Ungarn würde der Verlust des russischen Gases höhere Kosten und logistische Herausforderungen mit sich bringen, jedoch nicht zwangsläufig zu einer schweren Versorgungskrise führen. Die eigentliche Bewährungsprobe im kommenden Jahr wird darin bestehen, ob Ungarn das russische Gas ersetzen kann, ohne die Energiesicherheit zu gefährden oder einen deutlich höheren Preis zahlen zu müssen.
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