Abrechnung, Wiederaufbau oder ein Comeback? Orbáns politisches Vermächtnis steht in Budapest im Mittelpunkt

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Versöhnung und Hoffnungen auf eine Rückkehr an die Macht im Jahr 2030 standen am Samstag vor dem ungarischen Parlament auf derselben Bühne im Mittelpunkt, als Politiker, Journalisten und Aktivisten aus dem ehemaligen Regierungslager darüber debattierten, was auf die Ära Viktor Orbán folgen sollte.
Die Demonstration unter dem Motto „Ne féljetek! 2.0 – Fürchtet euch nicht! 2.0“ fand am 5. September auf dem Kossuth-Platz statt, Monate nachdem Viktor Orbán und die Fidesz nach 16 Jahren Regierungszeit die Macht verloren hatten.
Die Organisatoren beschrieben die Veranstaltung als parteipolitisch neutrale Bürgerversammlung und als interaktiven „Gemeinschaftsworkshop“. Es handelte sich nicht um eine offizielle Fidesz-Kundgebung, obwohl mehrere Redner enge Verbindungen zur Partei oder zum konservativen Medienumfeld hatten, das Orbáns Regierungen unterstützt hatte.
Die Reden reichten von scharfen Angriffen auf die neue Regierung bis hin zu Aufrufen zur Selbstreflexion, zu einer stärkeren zivilgesellschaftlichen Organisation und zu Vorbereitungen auf ein mögliches politisches Comeback.
Rache oder Wiederaufbau?
Eine der eindringlichsten Botschaften kam von Gergely Huth, dem ehemaligen Chefredakteur von „PestiSrácok“, einem streng Fidesz-nahen ungarischen Nachrichtenmedium.
Huth argumentierte, dass die seit dem demokratischen Wandel in Ungarn geschaffene politische Ordnung unter der neuen Regierung demontiert werde. Er warf mehreren hochrangigen Politikern der Partei Tisza vor, einen Teil des Landes einzuschüchtern und zu verfolgen, und bezeichnete sie als Verräter.
Er sagte zudem voraus, dass die Zeit der „echten Rechenschaftspflicht“ kommen werde, und forderte patriotische zivilgesellschaftliche Gruppen auf, sich effektiver zu organisieren. Dabei handelte es sich eher um politische Anschuldigungen als um belegte Erkenntnisse, und bei der Kundgebung wurden keine Beweise für strafbare Handlungen der von ihm namentlich genannten Politiker vorgelegt.

Róbert Ábrahám, ein konservativer Kommentator und YouTuber, schlug ein deutlich anderes Vorgehen vor.
Zwar zeichnete auch er ein äußerst kritisches Bild des Landes unter der Tisza-Regierung, doch Ábrahám argumentierte, dass Rache nicht im Vordergrund stehen sollte. Stattdessen forderte er den Wiederaufbau der Gemeinschaft und die „Rückgewinnung der jungen Menschen“ und erklärte, dass interne Spaltungen unter den Konservativen diese geschwächt hätten.
Seine Äußerungen brachten eine der zentralen Fragen zur Sprache, die über der Versammlung schwebten: Sollte sich das ehemalige Regierungslager auf Vergeltungsmaßnahmen gegen seine politischen Gegner konzentrieren oder vielmehr überdenken, wie es nach dem Machtverlust mit den Wählern kommuniziert?
Weitere Informationen zum aktuellen Kräfteverhältnis zwischen Tisza und Fidesz: Tiszas Vorsprung schrumpft, während Fidesz in neuer Umfrage an Boden gewinnt – auch Magyars Umfragewerte rutschen ab
Wo ist Viktor Orbán?
Seit dem Machtverlust von Fidesz hält sich der ehemalige Ministerpräsident in der Öffentlichkeit bemerkenswert zurück. Nachdem er János Bóka als Nachfolger an der Spitze der Fidesz-Fraktion unterstützt hatte, zog sich Orbán weiter aus dem täglichen parlamentarischen Geschehen der Partei zurück.
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels stammt sein letzter Facebook-Beitrag vom 20. August, in dem er sich bei János Lázár für dessen langjährige Arbeit im Parlament und in der Regierung bedankte und hinzufügte, dass er weiterhin auf dessen „Erfahrung, Engagement und Kameradschaft“ zählen werde.
Abgesehen von solchen kurzen Äußerungen hat Viktor Orbán kaum Hinweise darauf gegeben, was er als Nächstes vorhat – oder inwieweit er sich direkt an den Bemühungen der Fidesz um einen Wiederaufbau nach der Niederlage beteiligen will.
Ambitionen für 2030, doch kaum Anzeichen für neuen Schwung
Bei der Veranstaltung konzentrierten sich nicht alle Redner auf den aktuellen Konflikt. Dániel Kurucz, Gründer von KözTér, richtete seinen Blick bereits auf die nächsten Parlamentswahlen.
Er erklärte, die Konservativen sollten darauf hinarbeiten, Tisza im Jahr 2030 mit einer Zweidrittelmehrheit zu besiegen, und forderte, mit der Ausarbeitung eines neuen Wahlprogramms zu beginnen.
Die Zivilgesellschaft, so argumentierte er, solle nicht nur bei der Unterstützung der Politik, sondern auch bei deren Kontrolle eine stärkere Rolle spielen.
Andere Redner legten den Schwerpunkt eher auf Selbstreflexion und Wiederaufbau. Der Fidesz-Kommunalpolitiker László Szabó erklärte, die politische Ausrichtung, die ihm einst als Leitfaden gedient habe, sei allmählich verblasst, während die Dokumentarfilmerin Fruzsina Skrabski argumentierte, dass eine Zusammenarbeit bei gesellschaftlichen Anliegen unabhängig von der Parteizugehörigkeit möglich sein sollte.
Das Ausmaß der Versammlung stand jedoch in scharfem Kontrast zu einigen der von der Bühne aus geäußerten Ambitionen. Die Besucherzahl blieb weit hinter dem online gezeigten Interesse zurück, und sogar ein Redner räumte das Problem ein, indem er der Menge mitteilte, dass eigentlich zehnmal so viele Menschen hätten anwesend sein sollen. Vorerst wirkte die Kundgebung weniger wie der Startschuss für eine neue politische Bewegung als vielmehr wie der Versuch, Teile des ehemaligen regierungsnahen Milieus zu organisieren und eine Richtung zu finden.
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Titelbild: Screenshot aus dem YouTube-Livestream von KözTér zur Kundgebung „Ne féljetek! 2.0“

