Financial Times: Ungarn durchläuft einen politischen Wandel, der „weit über das hinausgeht, was viele für möglich gehalten hätten“

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Ungarn durchläuft derzeit einen politischen Wandel in einem Ausmaß, das viele Menschen zuvor für unmöglich gehalten hätten, so eine neue Analyse der Financial Times.
Die britische Wirtschaftszeitung argumentiert, dass die seit den Wahlen im April stattfindenden Veränderungen weit über einen routinemäßigen Regierungswechsel hinausgehen, und beschreibt sie als tiefgreifenden politischen und institutionellen Wandel.
Der Zeitung zufolge stellen diese Entwicklungen auch eine große Erleichterung für die Europäische Union dar, die sich bemüht hat, demokratische Rückschritte und die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit in einigen Mitgliedstaaten zu verhindern.
Die „Financial Times“ fügt hinzu, dass die Veränderungen in Ungarn auch einen Rückschlag für nationalistisch-konservative Bewegungen weltweit darstellen, die Viktor Orbáns lange Amtszeit als Inspirationsquelle angesehen hatten.
Regierung strebt Wiederaufbau der internationalen Position Ungarns an
Im Gespräch mit der Financial Times erklärte Außenministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Anita Orbán, sie hoffe, dass Ungarn eine führende Rolle bei der Erneuerung der westlichen Demokratie einnehmen könne.
Sie erklärte, die Regierung beabsichtige, zu einer Außenpolitik zurückzukehren, die Ungarns nationale Interessen in den Vordergrund stellt, dabei jedoch „innerhalb der europäischen Familie“ verbleibt und die Abhängigkeit des Landes von ausländischen Mächten schrittweise verringert.

Der Zeitung zufolge ist eine der wichtigsten Prioritäten von Ministerpräsident Péter Magyar die Beseitigung dessen, was sie als „die Korruption, die zum festen Bestandteil des Orbán-Regimes geworden ist“ bezeichnet.
Korruptionsvorwürfe im Fokus
Die „Financial Times“ zitiert János István Tóth, Leiter des in Budapest ansässigen Korruptionsforschungszentrums, der schätzt, dass sich EU-finanzierte Aufträge und nicht wettbewerbsorientierte öffentliche Ausschreibungen, die an 13 mit Viktor Orbán verbundene Personen vergeben wurden, zwischen 2011 und 2023 auf insgesamt 19,3 Milliarden Euro beliefen.
Ausgehend von Schätzungen, wonach 20–40 % des Wertes dieser Aufträge möglicherweise abgezweigt wurden, deutet die Untersuchung darauf hin, dass die EU-Steuerzahler „Orbáns Kleptokratie“ indirekt mit 3,2–5,5 Milliarden Euro finanziert haben könnten, berichtet die Zeitung.
Die Analyse argumentiert zudem, dass die Frustration der Bevölkerung über Korruption, sinkenden Lebensstandard und sich verschlechternde öffentliche Dienstleistungen maßgeblich zum erdrutschartigen Wahlsieg von Péter Magyar beigetragen habe.
„Selbst die Schwerkraft fühlt sich leichter an“
Anita Orbán erklärte gegenüber der Zeitung, dass die dramatischsten Veränderungen innerhalb der ungarischen Gesellschaft selbst stattfänden, was sich in den Erwartungen der Menschen und einem neuen Optimismus widerspiegele. Sie merkte an, dass Ungarn traditionell ein pessimistisches Land gewesen sei, sagte jedoch, dass seit der Wahl am 12. April
„die Menschen immer wieder sagen, dass sich sogar die Schwerkraft leichter anfühlt.“
Debatte über Rechenschaftspflicht
Laut der „Financial Times“ fordern viele Ungarn, dass Viktor Orbán und ehemalige hochrangige Beamte für mutmaßlichen Amtsmissbrauch zur Rechenschaft gezogen werden. Ein ehemaliger hochrangiger Fidesz-Funktionär erklärte der Zeitung unter der Bedingung der Anonymität, dass „die Gesellschaft Blut will“, warnte jedoch davor, dass ein aggressives Vorgehen gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten diesem die Möglichkeit geben könnte, sich als Märtyrer darzustellen, anstatt sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
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Historiker bezeichnet die Veränderungen als „verfassungsrechtliche Revolution“
Der Historiker Krisztián Ungváry bezeichnete die aktuellen Entwicklungen als beispiellos in der modernen ungarischen Geschichte. Im Gespräch mit der „Financial Times“ erklärte er, er könne sich an keinen anderen Wandel von derart grundlegender Bedeutung erinnern, der ohne Einmischung von außen stattgefunden habe.
Ungváry bezeichnete den Prozess als verfassungsrechtliche Revolution und argumentierte, dass das Land Schritte zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit unternehme, die zuvor unvorstellbar erschienen wären. „Das Ziel ist der vollständige Abbau der derzeitigen Staatsstruktur. Ich würde es sowohl als Revolution als auch als Regimewechsel bezeichnen“, sagte er.
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