„Tragisch für Fidesz“: Führender ungarischer Politikexperte warnt, die Partei verspiele ihre Chance auf eine Erholung

Sprache ändern:
Der ungarische Politologe Gábor Török hat eine strenge Einschätzung der Fidesz abgegeben und argumentiert, dass das Versäumnis der Partei, sich nach ihrer Wahlniederlage zu erneuern, sich als „fast ebenso tragisch“ erweisen könnte wie das Ergebnis selbst.
In einem Facebook-Beitrag erklärte Török, das Fehlen sowohl einer neuen Führung als auch frischer politischer Ideen führe dazu, dass die Partei eine Zeit verschwendete, die er als entscheidend für den Wiederaufbau der Unterstützung betrachte. Seine Äußerungen folgen auf Umfragen zweier der angesehensten ungarischen Meinungsforschungsinstitute, aus denen hervorgeht, dass die Tisza-Partei weiterhin einen deutlichen Vorsprung vor der Fidesz-Partei hat.
Umfragen zeigen überwältigenden Vorsprung für die Tisza-Partei
In dieser Woche veröffentlichten sowohl Medián als auch das 21 Research Centre (21 Kutatóközpont) Meinungsumfragen, die auf eine außergewöhnlich starke Unterstützung für die Tisza-Partei hindeuten.
Laut der Umfrage von Medián genießt Tisza die Unterstützung von 60 % der Gesamtbevölkerung; bei den entschlossenen Wählern steigt dieser Wert auf 71 % und bei den sicheren Wählern auf 73 %. Im Vergleich dazu wurde Fidesz von 18 % der Gesamtbevölkerung sowie von 21 % der entschlossenen und sicheren Wähler unterstützt.
Unterdessen ermittelte das 21 Forschungszentrum für die Tisza-Partei einen Wert von 57 % in der Gesamtbevölkerung und 67 % bei den fest entschlossenen Wählern, während Fidesz bei 20 % bzw. 24 % lag. Török fasste die Ergebnisse zusammen und merkte an, dass
„sechs von zehn ungarischen Wählern Tisza unterstützen, während nur zwei weiterhin hinter Fidesz stehen.“

„Die Flitterwochen werden nicht ewig dauern“
Török betonte, dass solche außergewöhnlich hohen Umfragewerte wahrscheinlich nicht auf Dauer Bestand haben werden. Er erinnerte daran, dass Fidesz nach seinem Erdrutschsieg im Jahr 2010 ebenfalls eine längere „Flitterwochenphase“ genoss, bevor die öffentliche Unterstützung allmählich nachließ.
Medián hatte im Juni 2010 für Fidesz einen Wert von 50 % der Gesamtbevölkerung ermittelt, doch bis Juni 2012 war dieser Wert auf 21 % gesunken. Er argumentierte jedoch, dass die Entwicklung nach der anfänglichen „Flitterwochen“-Phase einer Regierungspartei stark von der Stärke und Glaubwürdigkeit der Opposition abhänge.
Eine verpasste Chance für Fidesz
Laut Török bestand der größte Fehler von Fidesz seit der Wahl darin, dass die Partei es versäumt habe, unverzüglich mit dem Wiederaufbau zu beginnen.
„Aus dieser Perspektive betrachtet ist das, was seit der Wahl innerhalb von Fidesz geschehen ist – oder vielmehr nicht geschehen ist –, für die Oppositionspartei fast ebenso tragisch wie das Wahlergebnis selbst“, schrieb er. „Das völlige Fehlen sowohl personeller als auch inhaltlicher Erneuerung macht diese Zeit schlichtweg zu verschwendeter Zeit.“
Er argumentierte, dass die Umfragewerte der Partei heute zwar möglicherweise nicht besser wären, wenn sie bereits neue Führungskräfte und eine neue politische Ausrichtung eingeführt hätte, und kurzfristig sogar schwächer ausfallen könnten. Wenn sich die öffentliche Meinung jedoch irgendwann von der Regierungspartei abwendet, hätte Fidesz zumindest die Grundlagen für einen Wiederaufschwung gelegt.

Warnung vor einer Verzögerung der Reformen
Török kritisierte zudem Vorschläge, wonach die Partei wichtige Entscheidungen um ein weiteres Jahr verschieben könne. Er warnte, dass Fidesz durch das Aufschieben der organisatorischen und politischen Erneuerung Gefahr laufe, den idealen Zeitpunkt für einen Neuanfang zu verpassen. Ohne bedeutende Veränderungen, so argumentierte er, werde sich eine künftige Wende in der öffentlichen Meinung wahrscheinlich langsamer vollziehen und könnte letztendlich jemand anderem als Fidesz zugutekommen.
Lesen Sie hier mehr über die neuesten Umfragen, die einen dramatischen Rückgang der Unterstützung für Fidesz zeigen: Woher wird Péter Magyars echte Opposition kommen? Fast alle Ungarn stehen nun hinter Tisza, wie eine neue Umfrage nahelegt

