Ungarns Parlament schreitet voran: Vermögenssteuer, Bildungsreform, Regulierung von KI und sozialen Medien für Kinder

Sprache ändern:

Die ungarische Regierung bereitet eines der umfangreichsten Gesetzgebungsprogramme der letzten Jahre vor, bei dem 83 Gesetzesentwürfe während der Herbstsitzungsperiode des Parlaments zur Debatte stehen sollen. Die vom Minister im Amt des Ministerpräsidenten, Bálint Ruff, vorgelegten Pläne sehen weitreichende Reformen in den Bereichen Steuern, Bildung, Kultur, Verkehr, Forschung und digitale Regulierung vor.

Das Gesetzespaket dürfte eine deutliche Abkehr von mehreren unter der vorherigen Orbán-Regierung eingeführten politischen Maßnahmen darstellen.

Vermögenssteuer und Haushaltsreform auf der Tagesordnung des Parlaments

Zu den am aufmerksamsten verfolgten Maßnahmen zählt die Einführung einer neuen Vermögenssteuer. Die Regierung plant, den Vorschlag im Oktober zusammen mit dem Staatshaushalt 2027 vorzulegen.

Nach früheren Aussagen von Finanzminister András Kármán wird der Haushalt später als in den Vorjahren ausgearbeitet, um eine realistischere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage zu ermöglichen. Die Regierung hat zudem zugesagt, die Transparenz in den öffentlichen Finanzen zu erhöhen.

Die geplante Vermögenssteuer war eines der wichtigsten Wahlversprechen der regierenden Tisza-Partei. Dem Vorschlag zufolge müssten Privatpersonen mit einem Vermögen von mehr als 1 Milliarde HUF (derzeit ca. 2,835 Millionen Euro) eine jährliche Steuer in Höhe von 1 % auf den über diesen Schwellenwert hinausgehenden Vermögensanteil entrichten. Die Maßnahme hat unter Ökonomen und Steuerexperten bereits erhebliche Diskussionen ausgelöst.

Europäische Staatsanwaltschaft und steuerliche Änderungen

Eine weitere zentrale Verpflichtung der Regierung ist der Beitritt Ungarns zur Europäischen Staatsanwaltschaft (EPPO). Die Vorbereitungen sind bereits im Gange, nachdem Ministerpräsident Péter Magyar den Antrag des Landes offiziell bei der Europäischen Kommission eingereicht hat.

Der Beitritt zur EPPO erfordert Verfassungsänderungen sowie neue Gesetze zur Regelung der Ernennung europäischer Staatsanwälte in Ungarn. Das Parlament wird voraussichtlich im Dezember über die erforderlichen Maßnahmen abstimmen, wobei das neue System voraussichtlich Anfang 2027 in Kraft treten wird.

Zu den weiteren steuerlichen Vorschlägen gehören die Senkung der Mehrwertsteuer auf Brennholz auf 5 % sowie die Abschaffung der Zollbefreiung für Importe mit einem Wert unter 150 Euro.

president tamás sulyok péter magyar new prime minister hungary hungarian parliament
Präsident Tamás Sulyok eröffnet am 9. Mai 2026 die Nationalversammlung im ungarischen Parlament. Foto: MTI/Hegedűs Róbert

Umfassende Reformen im Bildungswesen und im Kinderschutz

Das Parlament plant zudem erhebliche Änderungen am Bildungssystem. Die vorgeschlagenen Änderungen würden den Lehrkräften zuvor entzogene Befugnisse zurückgeben, die Kompetenzen der Schulleiter erweitern und die Rolle der Lehrergewerkschaften bei branchenweiten Konsultationen stärken. Es wird zudem erwartet, dass Beschränkungen, die das Streikrecht der Lehrkräfte eingeschränkt haben, aufgehoben werden.

Wie Telex berichtete, könnte das derzeitige System zur Leistungsbewertung von Lehrkräften einer vollständigen Neugestaltung unterzogen werden, nachdem Kritik laut wurde, es verursache einen übermäßigen Verwaltungsaufwand und biete gleichzeitig nur begrenzten fachlichen Nutzen.

Auch Maßnahmen zum Kinderschutz stehen auf der Tagesordnung. Ein neues Gesetz zur Regelung der Nutzung digitaler Geräte durch Kinder wird für November erwartet. Anstelle eines vollständigen Verbots würde sich die Gesetzgebung auf die Altersüberprüfung, die Einschränkung süchtig machender Plattformfunktionen, die Ausweitung der Verantwortlichkeiten von Technologieunternehmen und die Förderung der digitalen Kompetenz in Schulen konzentrieren.

Kulturelle Einrichtungen stehen vor einer Umstrukturierung

Mehrere kulturelle Einrichtungen könnten vor erheblichen Veränderungen stehen. Die Regierung beabsichtigt, das Zentrum für öffentliche Sammlungen des Ungarischen Nationalmuseums aufzulösen, das derzeit mehrere bedeutende Museen sowie die Széchényi-Nationalbibliothek verwaltet. Die Reform würde den betroffenen Einrichtungen wieder mehr Unabhängigkeit verschaffen.

Zu den Plänen gehört zudem eine umfassende Umgestaltung des Nationalen Kulturfonds (NKA), nachdem die vor der Wahl getroffenen Förderentscheidungen in die Kritik geraten waren.

Die während der Parlamentssitzung vorgeschlagenen Reformen würden den Rahmen für die Ermessensfinanzierung durch das Ministerium abschaffen und die Zusammensetzung der Fachausschüsse ändern, die die Vergabe von Fördermitteln überwachen. Zudem soll eine unabhängige Behörde für Denkmalschutz eingerichtet werden.

Reformen in den Bereichen Verkehr, Forschung und öffentliche Verwaltung

Verkehrsminister Dávid Vitézy bereitet derzeit Gesetzesvorlagen vor, die auf eine Modernisierung der Steuerung des öffentlichen Nahverkehrs abzielen. Zu den Vorschlägen gehören die Schaffung einer nationalen Verkehrsbehörde sowie einer landesweiten Gesellschaft für die Verwaltung des rollenden Materials, die für die Beschaffung von Zügen und Nahverkehrsfahrzeugen zuständig sein soll.

Die Regierung plant zudem Reformen, die die Regulierung des Güterverkehrs, den Bahnbetrieb und die städtische Verkehrspolitik betreffen.

Unterdessen könnte der ungarische Forschungssektor eine weitere umfassende Umstrukturierung erleben. Das ungarische Forschungsnetzwerk HUN-REN könnte durch ein noch in diesem Jahr erwartetes Gesetz vorübergehend wieder stärker unter staatliche Kontrolle gestellt, umbenannt und neu organisiert werden.

Im Bereich der öffentlichen Verwaltung beabsichtigt die Regierung, das von der Agentur für digitale Verwaltung betriebene zentralisierte IT-Beschaffungssystem abzubauen und durch eine neue Agentur für digitale Innovation zu ersetzen, deren Aufgabe die Koordinierung des ungarischen Innovationsökosystems sein soll.

Neue Vorschriften für KI-generierte Inhalte

Einer der innovativsten Vorschläge betrifft die künstliche Intelligenz. Die Regierung plant die Einführung von Rechtsvorschriften zur Regulierung der Erstellung und Veröffentlichung von KI-generierten Inhalten, die als manipulativ, irreführend oder schädlich eingestuft werden.

Der Gesetzesentwurf würde rechtliche Beschränkungen festlegen und Strafen für bestimmte Formen KI-generierter Medien definieren, was die wachsende Besorgnis hinsichtlich Desinformation und digitaler Manipulation widerspiegelt.

Da das Parlament voraussichtlich den ganzen Sommer über aktiv bleiben wird und die Herbstsitzungsperiode offiziell am 1. September beginnt, steht den Abgeordneten eine der arbeitsreichsten Legislaturperioden bevor, die Ungarn seit Jahren erlebt hat.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *