Ungarn startet großes neues Programm zur ländlichen Entwicklung: 100 Dörfer sollen neues Modell erproben

Die ungarische Regierung hat das „Szent István“-Programm zur ländlichen Entwicklung ins Leben gerufen, eine neue Initiative, die darauf abzielt, ländliche Gemeinden zu stärken und den Anwohnern mehr Mitspracherecht bei der Verwendung der Fördermittel zu gewähren. Die Pilotphase umfasst 10 ländliche Mikroregionen, 100 Ortschaften und fast 100.000 Menschen. Sollte sich das Modell als erfolgreich erweisen, könnte es ab dem 20. August 2027 landesweit eingeführt werden und potenziell mehr als 2.100 Ortschaften sowie 1,8 Millionen Menschen erreichen.

Das neue Programm startet in 10 Regionen

Ministerpräsident Péter Magyar kündigte am Dienstag im Parlament den Start des „Szent-István-Programms zur ländlichen Entwicklung“ (Szent István vidékfejlesztési program) an. Die Initiative wird zunächst in 10 ländlichen Mikroregionen erprobt, die rund 100 Ortschaften und fast 100.000 Einwohner umfassen.

Die ausgewählten Gebiete sind:

  • Zalakaros und Umgebung
  • Harkány und seine Region
  • Bács
  • Pásztó
  • Medgyesegyháza
  • Igal
  • Tiszaújváros
  • Gyöngyös
  • Nyírbátor
  • Gönc und Umgebung

Nach Angaben der Regierung wurden die Gebiete anhand von Indikatoren ausgewählt, darunter das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, das der Einkommensteuer unterliegt, sowie ein komplexer Entwicklungsindex. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den teilnehmenden Regionen beträgt 308.629 HUF und liegt damit 36,7 % unter dem nationalen Durchschnitt.

1 Milliarde HUF für jeweils 10 Gemeinden

Eine der bedeutendsten Zusagen des Programms ist ein jährlicher Gemeindeentwicklungsfonds in Höhe von 1 Milliarde HUF für jede Gruppe von 10 Ortschaften. Die Regierung betont jedoch, dass es bei dieser Initiative nicht lediglich um die Bereitstellung zusätzlicher Mittel geht. Ein zentraler Grundsatz ist, dass Entscheidungen über die Verwendung der Mittel vor Ort getroffen werden sollten und nicht von Budapest aus vorgeschrieben werden dürfen.

Von den 10 Ortschaften in jedem teilnehmenden Gebiet wird erwartet, dass sie gemeinsam ihre dringendsten Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten ermitteln. Anwohner und Experten werden anschließend die Probleme und das Potenzial des Gebiets bewerten, eine gemeinsame Entwicklungsstrategie erarbeiten und Investitionspläne erstellen, die sowohl fachlich fundiert als auch finanziell realistisch sind.

Mit anderen Worten: Die Zentralregierung verspricht die Bereitstellung der Mittel, während die lokalen Gemeinden ein deutlich stärkeres Mitspracherecht bei der Entscheidung darüber erhalten, wofür das Geld verwendet werden soll.

Junge Menschen im ländlichen Ungarn halten

Eines der zentralen Ziele des Programms besteht darin, ländliche Gebiete als Orte zum Leben, Arbeiten und zur Familiengründung attraktiver zu gestalten. Magyar argumentierte, es reiche nicht aus, jungen Menschen lediglich zu sagen, sie sollten in ihren Heimatorten bleiben.

Wenn es in der Nähe keine Arbeitsplätze, keine Kindertagesstätten oder keine angemessenen öffentlichen Dienstleistungen gibt, die Straßen in schlechtem Zustand sind oder der Internetzugang unzureichend ist, haben junge Menschen möglicherweise kaum eine realistische Alternative, als wegzuziehen. Die Regierung möchte daher ländliche Gemeinden schaffen, in denen das Bleiben eine echte Entscheidung ist und keine Notwendigkeit oder ein Opfer darstellt.

Das Programm könnte Verbesserungen der lokalen Infrastruktur, der Dienstleistungen, der Unternehmen und der wirtschaftlichen Möglichkeiten unterstützen, wobei die konkreten Projekte letztlich von den Bedürfnissen abhängen werden, die von jeder teilnehmenden Gemeinde ermittelt werden.

Warum ist die Entvölkerung des ländlichen Raums von Bedeutung?

Viele kleinere ungarische Ortschaften sind mit einer Kombination aus Bevölkerungsrückgang, der Abwanderung jüngerer Einwohner und einem schrumpfenden Zugang zu lokalen Dienstleistungen konfrontiert. Magyar hob die potenzielle Kettenreaktion hervor: Junge Menschen ziehen weg, Schulen und Geschäfte schließen, Beschäftigungsmöglichkeiten werden knapper, Unternehmen haben größere Schwierigkeiten, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, und der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wird zunehmend erschwert.

Letztendlich stellt sich eine Gemeinde möglicherweise nicht mehr die Frage, wie sie sich weiterentwickeln kann, sondern wie sie überhaupt überleben kann. Das „Saint Stephen“-Programm soll diesen Trend umkehren, indem es die Fähigkeit ländlicher Gebiete zur Bevölkerungsbindung stärkt. Dabei geht es nicht einfach darum, Dörfer in ihrem derzeitigen Zustand zu erhalten, sondern ihnen die wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen zu schaffen, die erforderlich sind, um den Einwohnern eine tragfähige Zukunft zu bieten.

Was geschieht nach der Pilotphase?

Die erste Phase ist ausdrücklich als Pilotprogramm angelegt. In den kommenden Monaten werden Einwohner, Kommunalbehörden und Experten gemeinsam daran arbeiten, die Herausforderungen und Chancen in den zehn ausgewählten Regionen zu bewerten.

Anschließend werden sie lokale Strategien entwickeln und konkrete Investitionsprojekte ermitteln. Die Regierung plant, die Ergebnisse des Pilotprojekts auszuwerten, bevor sie über die nächste Phase entscheidet. Sollte sich das Modell bewähren, könnte es die Grundlage für ein landesweites Netzwerk zur ländlichen und regionalen Entwicklung bilden.

Nach Angaben der Regierung könnte die landesweite Umsetzung nach dem 20. August 2027 beginnen. Zu diesem Zeitpunkt könnte das Programm potenziell rund 2.174 ländliche Ortschaften und etwa 1,85 Millionen Menschen umfassen.

Auch bei den Kreisversammlungen könnten sich erhebliche Veränderungen abzeichnen

Die Ankündigung des Programms zur Entwicklung des ländlichen Raums ging mit einem weiteren bedeutenden Vorschlag einher: Die Regierung arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf, der die ungarischen Kreisversammlungen in ihrer derzeitigen Form abschaffen und das System grundlegend umgestalten soll.

Magyar kritisierte die bestehenden Kreisversammlungen scharf und argumentierte, dass sie sich weitgehend von einer sinnvollen regionalen Entwicklung abgekoppelt hätten. Zudem warf er den Oppositionsparteien vor, diese Institutionen als politische und finanzielle Patronagenetzwerke zu nutzen.

Die Regierung hat bereits die Spesenpauschalen für die Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden der Kreistage abgeschafft und die zuvor gezahlten Gehälter der Kreistagsvorsitzenden gekürzt. Laut Magyar könnte durch eine Umstrukturierung des Systems zusätzliches öffentliches Geld freigesetzt werden, das stattdessen in Entwicklungsprojekte fließen könnte.

Die genaue Ausgestaltung des vorgeschlagenen neuen Systems bleibt jedoch unklar; weitere Einzelheiten werden erwartet, wenn der Gesetzentwurf der Regierung vorgelegt wird.

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Foto: Pixabay

Inwiefern unterscheidet sich das Programm von bestehenden Initiativen im ländlichen Raum?

Das „Saint-Stephen-Programm“ wird nicht als Ersatz für alle bestehenden Maßnahmen zur ländlichen Entwicklung eingeführt. Magyar erklärte, es werde parallel zum „Ungarischen Dorfprogramm“ und zum „Programm für wettbewerbsfähige Landkreise“ laufen. Sein besonderes Merkmal ist die Betonung der lokalen Entscheidungsfindung.

Anstatt dass zentrale Behörden festlegen, was ein Dorf benötigt, und anschließend die Kommunalverwaltungen auffordern, ihre Pläne an ein bestehendes Förderprogramm anzupassen, zielt der neue Ansatz darauf ab, bei den Gemeinden selbst anzusetzen. Die Botschaft der Regierung lautet im Wesentlichen: Die Menschen vor Ort kennen ihre Gemeinden am besten, daher sollten sie eine größere Rolle bei der Gestaltung ihrer Zukunft spielen.

Eine große Bewährungsprobe für Ungarns neue Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums

Das „Saint-Stephen-Programm“ stellt einen ehrgeizigen Versuch dar, die Organisation der ländlichen Entwicklung in Ungarn zu verändern. Doch vorerst bleibt abzuwarten, wie effektiv sich das Modell in der Praxis bewähren wird.

Die ersten zehn Regionen werden einen wichtigen Test darstellen: Können sich benachbarte Ortschaften auf gemeinsame Prioritäten einigen? Können die Anwohner Investitionsentscheidungen maßgeblich beeinflussen? Und können die verfügbaren Mittel Verbesserungen bewirken, die ländliche Gemeinden für junge Familien und Unternehmen attraktiver machen?

Sollte das Pilotprojekt die von der Regierung erwarteten Ergebnisse liefern, könnte das Programm ab 2027 in eine wesentlich größere Phase eintreten. Damit würde die Initiative von 100 Ortschaften auf mehr als 2.100 ausgeweitet und könnte potenziell fast zwei Millionen Menschen betreffen.

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