Von Torgyáns „Schädlingsbekämpfung“ bis zu Toroczkais „Wurm“: Die entmenschlichende Sprache der ungarischen Politik

Viele erinnern sich vielleicht nicht mehr daran, doch bereits rund 30 Jahre vor László Toroczkais jüngster berüchtigter Äußerung bezeichneten ungarische Politiker ihre Gegner gerne als „Würmer“.
Im ungarischen politischen Diskurs hat man manchmal den Eindruck, dass sich immer wieder dasselbe Muster wiederholt. Ein Gegner ist nicht mehr einfach nur im Unrecht, unehrlich oder fehlgeleitet. Stattdessen wird er zum Parasiten, zur Ratte, zur Wanze, zum Streuner – oder, im jüngsten Fall, zum Wurm.
In der jüngsten Kontroverse forderte Toroczkai Péter Magyar im Parlament auf, nicht „wie ein widerlicher, feiger Wurm davonzulaufen“. Doch wer glaubt, Ungarn habe so etwas noch nie zuvor erlebt, irrt sich gewaltig.
Torgyán und die „Schädlingsbekämpfung“
Wenn es ein klassisches Beispiel in der Geschichte der ungarischen politischen Beleidigungen gibt, dann ist es die Rede von József Torgyán vom 14. März 1996. Der damalige Vorsitzende der Partei der Unabhängigen Kleinbauern sprach auf einer Kundgebung am Vorabend des Nationalfeiertags am 15. März und griff die Regierung von Ministerpräsident Gyula Horn an. Torgyán sprach von „pseudoliberalen, widerwärtigen Würmern“ und „Geiern“, die seiner Ansicht nach das Land überrannt hätten.
Die Rede wurde so eng mit Torgyán in Verbindung gebracht, dass sie später schlicht als seine „Schädlingsbekämpfungsrede“ bezeichnet wurde. Schon damals waren die Reaktionen geteilt. Einige waren der Meinung, er habe endlich laut ausgesprochen, was andere nicht zu sagen wagten. Für viele andere hingegen ging die Wortwahl einfach zu weit.
So oder so – das Rezept gab es bereits vor drei Jahrzehnten: Man macht einen politischen Gegner zu einem biologischen Schädling, und schon wird aus einer politischen Auseinandersetzung schnell die Frage, wie man diesen Schädling beseitigt, anstatt einen Gegner in der Debatte zu besiegen.
Streunende Hunde, Ratten und Bettwanzen
Die Sprache der politischen Beschimpfungen verschwand nicht mit den 1990er Jahren. Während des Wahlkampfs 2006 sorgte der damalige Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány ebenfalls mit einem Tiervergleich für Kontroversen. In einer Rede in Veszprém erklärte er, streunende Hunde müssten eingefangen und in ein Tierheim gebracht werden. Die Opposition interpretierte diese Äußerung als Vergleich zwischen streunenden Tieren und denjenigen, die sich gegen seine Regierung stellten.
Dann, im Jahr 2019, folgte die berüchtigte „Ratten“-Äußerung. Während eines Interviews bei ATV wurde die sozialistische Abgeordnete Ildikó Bangóné Borbély gefragt, warum die Unterstützung für Fidesz zunehme. Ihre Antwort fiel unverblümt aus: „In Ungarn gibt es viele Ratten.“ Die Äußerung löste einen landesweiten politischen Sturm aus. Fidesz forderte ihren Rücktritt, und die Bemerkung wurde schnell zu einem der berüchtigtsten Beispiele für politische Rhetorik mit Tierbezügen in der jüngeren ungarischen Politik.
Sechs Jahre später nahm die Rhetorik eine weitere Wendung. Am 15. März 2025 sprach Viktor Orbán von „Wanzen, die den Winter überlebt haben“ und versprach einen „Frühjahrsputz“. Viele interpretierten den Verweis auf „Wanzen“ als Angriff auf Péter Magyar, der sich bis dahin zum prominentesten politischen Herausforderer der Regierung entwickelt hatte und Gespräche mit seiner ehemaligen Ehefrau heimlich aufgezeichnet hatte. Die Worte hatten sich geändert, das Muster jedoch nicht.
Und nun taucht der Wurm wieder auf
Im Jahr 2026 fügte László Toroczkai der Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu. Während eines hitzigen Wortwechsels im Parlament zwischen Toroczkai und Péter Magyar warf der Ministerpräsident dem Oppositionsführer vor, im Namen von Familienunternehmen bei Ministerien interveniert zu haben.
Toroczkai forderte von Magyar Beweise oder eine Entschuldigung und sagte ihm, er solle nicht „wie ein feiger, widerlicher Wurm“ davonlaufen. Und so geht die Liste weiter.
Bei Torgyán ging es um „Schädlingsbekämpfung“. Bei Gyurcsány waren es streunende Hunde und ein Tierheim. Bei Bangóné waren es Ratten. Bei Orbán hatten Bettwanzen den Winter überlebt und warteten auf den Frühjahrsputz. Und nun ist da wieder einmal der Wurm.
Wenn politische Gegner zu Schädlingen werden
Natürlich war die politische Sprache schon immer bildreich. Politiker beleidigen sich gegenseitig. Wahlkämpfe bauen auf Angriffen auf. Sarkasmus, Spott und bewusst provokative Sprache sind kaum neu. Das Problem beginnt, wenn politische Gegner nicht mehr als Menschen behandelt werden, mit denen man nicht einer Meinung ist, sondern als Schädlinge, die beseitigt werden müssen.
Hier gibt es einen wichtigen Unterschied. Jemanden als inkompetent, unehrlich oder heuchlerisch zu bezeichnen, mag unangenehm sein, behandelt ihn aber dennoch als politischen Akteur. Einen Gegner als Ratte, Wanze oder Wurm zu bezeichnen, verändert den Charakter der Auseinandersetzung. Damit wird nicht mehr nur angedeutet, dass die andere Person im Unrecht oder gar schädlich ist. Vielmehr wird suggeriert, dass sie selbst etwas Unerwünschtes ist, das beseitigt werden muss.
Das ist eine gefährliche Entwicklung für den politischen Diskurs. Ungarn ist in dieser Hinsicht kaum ein Einzelfall. Politiker und politische Bewegungen auf der ganzen Welt haben Tierbilder verwendet, um ihre Gegner als schmutzig, gefährlich oder in gewisser Weise weniger als menschlich darzustellen. Eine solche Sprache ist gerade deshalb so wirkungsvoll, weil sie komplexe politische Konflikte auf etwas Instinktives reduziert: das Ungeziefer loswerden.
Eine lange Liste von Beleidigungen
Die oben genannten Beispiele sind nur die einprägsamsten. Der ungarische politische Diskurs hat im Laufe der Jahrzehnte unzählige weitere Beleidigungen hervorgebracht – einige richteten sich gegen die Intelligenz einer Person, andere gegen ihr Aussehen, ihre Männlichkeit, Weiblichkeit, Moral oder ihren Charakter.
Natürlich sind nicht alle diese Äußerungen gleichermaßen schwerwiegend. Politik ohne scharfe Meinungsverschiedenheiten wäre kaum noch Politik. Doch es besteht ein Unterschied zwischen dem Angriff auf eine Idee und dem Angriff auf die Person, die diese Idee vertritt. Und es besteht ein noch größerer Unterschied zwischen der Beleidigung eines politischen Gegners und der Bezeichnung desselben als etwas, das ausgerottet werden muss.
Diese Unterscheidung scheint zunehmend zu verschwimmen. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus der jüngsten Kontroverse. Politische Gegner werden weiterhin unterschiedlicher Meinung sein. Regierungen werden weiterhin Kritik ausgesetzt sein. Parlamentsdebatten werden unweigerlich hitzig verlaufen, insbesondere in einem Land, in dem die politischen Gräben so tief geworden sind.
Doch es sollte dennoch eine Grenze geben. Denn sobald politische Gegner zu Ratten, Wanzen, streunenden Hunden oder Würmern werden, geht es bei der Auseinandersetzung nicht mehr nur darum, wer Recht hat. Und vielleicht sollte genau dort die Grenze gezogen werden.
Möchten Sie mehr über die ungarische Politik erfahren? In diesem Artikel befassen wir uns mit der Möglichkeit einer potenziellen Fusion zwischen Fidesz und Mi Hazánk.

