Ungarns pro‑Orbán‑TV stellt Flaggschiff‑Nachrichtensendung nach jahrelanger Propagandakritik ein

TV2 bereitet sich darauf vor, seine langjährige Nachrichtensendung Tények (was soviel wie “Fakten” bedeutet) im Rahmen einer umfassenden Umstrukturierung des Senders einzustellen, wie der Präsident und CEO des Unternehmens, Miklós Vaszily, bestätigte. Der Schritt markiert eine der bedeutendsten Veränderungen in der regierungsnahen Medienlandschaft Ungarns in den letzten Jahren.
Die Entscheidung wurde zuerst von 444.hu gemeldet und später von mehreren Medien, darunter Telex und die staatliche ungarische Nachrichtenagentur MTI, bestätigt.
In einer Erklärung an 444.hu sagte Vaszily, dass der Sender aufgrund der “Erosion der Marke Tények” bereits an der Erneuerung seines Infotainment-Programms arbeite. Er fügte hinzu, dass das Ziel für TV2 darin bestehe, durch neu eingeführte Marken und nach dem “Ziehen der notwendigen Lehren” eine Nachrichtenberichterstattung anzubieten, “die den erwarteten professionellen Standards entspricht”.
Vaszily gab jedoch nicht an, wann die letzte Ausgabe von Tények ausgestrahlt werden soll. Berichten zufolge könnte auch das Nachrichtenmagazin Napló die Umstrukturierung nicht überleben.
Politische Neuausrichtung nach Ungarns Wahlniederlage
Die Ankündigung erfolgt im Zuge interner Veränderungen bei TV2 nach der jüngsten Wahlniederlage der regierenden Fidesz-Regierung. Mehrere prominente Gesichter, die mit der stark regierungsfreundlichen redaktionellen Linie des Senders in Verbindung gebracht wurden, sind bereits von den Bildschirmen verschwunden.
Berichten zufolge wurde die Nachrichtendirektorin Vivien Szalai kurz nach der Wahl entlassen, während die Moderatoren Gábor Gönczi und Anikó Marsi ebenfalls von prominenten Positionen entfernt wurden.
TV2 hatte zuvor erklärt, dass der Nachrichtenbetrieb strukturell vereinfacht und die redaktionellen Verantwortlichkeiten unter einem neuen Managementsystem zusammengefasst werden sollen. Anstatt einen neuen, eigenständigen Nachrichtendirektor zu ernennen, werden die Redakteure der Infotainment-Sendungen nun direkt an Vaszily berichten.
Berichten zufolge soll Vaszily außerdem Zoltán Fekete-Szalóky als Berater hinzugezogen haben. Fekete-Szalóky war zuvor von Index.hu nach einem Fälschungsskandal zurückgetreten, wie Telex berichtete.
Von liberalen Anfängen zu Propaganda-Vorwürfen
Tények startete 1997 neben TV2, in den Anfangsjahren des kommerziellen Fernsehens in Ungarn. Damals wurde die Redaktion Berichten zufolge mit einer weitgehend liberalen Redaktionskultur betrieben.
Die Ausrichtung des Programms änderte sich nach 2010 dramatisch, als Wirtschaftskreise, die mit der Fidesz verbunden sind, allmählich mehr Einfluss auf den Sender nahmen. Schließlich ging der Sender in die Hände des verstorbenen Filmkommissars Andy Vajna über, bevor er mit Geschäftsinteressen verbunden wurde, die mit Lőrinc Mészáros verbunden sind.
In den letzten zehn Jahren wurde Tények von Oppositionspolitikern, unabhängigen Journalisten und Medienbeobachtern für das kritisiert, was Kritiker als aggressive regierungsfreundliche Propaganda und Verleumdungskampagnen gegen Oppositionelle beschrieben.
Nach Angaben von 444 wurde das Programm aufgrund von Klagen, die allein von dem Oppositionspolitiker Péter Juhász angestrengt wurden, mehr als 150 Mal aufgefordert, Korrekturen zu veröffentlichen.
Der Sender listete auch zahlreiche kontroverse Berichte auf, die im Laufe der Jahre ausgestrahlt wurden, darunter Berichte über Anna Donáth, Péter Jakab und Gábor Vona. Kritiker warfen dem Programm Fehlinformationen, manipulierte Berichterstattung und politisch motivierte Angriffe vor.
Finanzieller Druck und mögliche Entlassungen
Hinter der Umstrukturierung könnten auch finanzielle Bedenken stehen. Berichten zufolge erwirtschaftete TV2 im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 2 Milliarden HUF (5,6 Millionen Euro), war aber stark von staatlichen Werbeeinnahmen abhängig, die angeblich 4,6 Milliarden HUF (12,9 Millionen Euro) jährlich übersteigen.
Medienanalysten gehen davon aus, dass diese Einnahmen nach den politischen Veränderungen in Ungarn deutlich zurückgehen werden, was möglicherweise zu Kostensenkungsmaßnahmen und Entlassungen führen wird. Marktgerüchten zufolge könnten 15-20% der Belegschaft von Entlassungen betroffen sein.
Anfang dieser Woche hat Vaszily auf der Media Hungary Konferenz bereits angedeutet, dass die gesamte operative Struktur des Senders umstrukturiert und konsolidiert werden soll.
Magyar nennt Tények “Flaggschiff der Orbán-Propaganda”
Der neue Premierminister Péter Magyar reagierte schnell auf die Nachricht in den sozialen Medien und nannte Tények “das schändlichste Programm in der ungarischen Mediengeschichte” und “das Flaggschiff der Orbán-Propaganda”.
In einem sarkastischen Facebook-Post bezog sich Magyar auf eine frühere Sendung über ihn und schrieb, dass die Sendung einmal einen speziellen Beitrag und einen Expertenkommentar “einem seiner Körperteile” gewidmet habe.
Fragen über die zukünftige Ausrichtung von TV2 bleiben offen
Die Schließung von Tények wirft die Frage nach der Zukunft der ungarischen Medienlandschaft auf. Es ist unklar, ob sich TV2 auf eine echte redaktionelle Umgestaltung vorbereitet oder ob es sich lediglich um eine Umbenennung der bestehenden Nachrichtensendungen in ein anderes Format handelt.
Beobachter beobachten auch genau, wie viel Einfluss politische Akteure und Eigentümer weiterhin auf den Sender ausüben werden und ob der Sender selbst schließlich verkauft werden könnte.
Für den Moment scheint eines der prägenden Symbole der Ära des regierungsnahen Fernsehens in Ungarn seinem Ende entgegenzugehen.

